Galater 1 - Christus ist das Ende der Religion
- Peter Köttritsch
- vor 4 Tagen
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 3 Tagen
Das neue Jahr bringt viele Änderungen mit sich. So hat z.B. die dänische Post mit Beginn des neuen Jahres beschlossen, ihr „Kerngeschäft“ (die Zustellung von Briefen) einzustellen.
Apropos Briefe: Einem Vogelzüchter ist es jetzt gelungen, eine Brieftaube mit einem Specht zu kreuzen. Diese neue Art klopft jetzt an, bevor sie die Briefe zustellt. 😊
Im Neuen Testament finden wir auch eine ganze Reihe von Briefen.
Da TPL nicht meine - auch nicht unsere, sondern seine Gemeinde ist, habe ich Jesus gefragt, worüber ich in nächster Zeit predigen soll. Er hat mir aufs Herz gelegt, dass es wieder einmal dran ist, direkt aus der Bibel zu predigen und sein Wort auszulegen.
Die Briefe des Neuen Testaments sind, so wie die ganze Bibel: Liebesbriefe Gottes! Nicht nur an die Empfänger damals, sondern genauso an uns heute.
Und deshalb möchte ich heute mit dem ersten Kapitel des Galaterbriefes beginnen.
Der Galaterbrief ist vermutlich der älteste von Paulus verfasste Brief im Neuen Testament. Auf seinen Missionsreisen hat Paulus zusammen mit Barnabas einige Gemeinden in der römischen Provinz „Galatien“ gegründet. Diese Provinz lag in der heutigen Zentraltürkei, rund um Ankara.
Schon bei den Missionsreisen selbst hat es immer wieder Schwierigkeiten mit den frommen Juden gegeben. Einmal ist Paulus sogar gesteinigt worden (Apostelgeschichte 14,19), hat aber mit Gottes Hilfe überlebt.
Ein gewisses Muster ist bei den Missionsreisen in dieser Region oft zu beobachten: Paulus hat den Leuten von Jesus erzählt und Gemeinden gegründet. Es kam zum Aufruhr. Er musste bald wieder die Stadt fluchtartig verlassen. Trotzdem haben sich in vielen Städten in Galatien wachsende Gemeinden entwickelt.
Bald erfuhr er aber, dass es in diesen jungen Gemeinden zu Streitereien kam, weil einige Judenchristen darauf bestanden, dass die sogenannten „Heidenchristen“ sich auch beschneiden lassen sollten. Also dass die Menschen, die zum Glauben gekommen waren, zuerst Juden werden müssten, um dann Christen werden zu können.
Ich möchte mit euch die ersten 9 Verse lesen:
1 Diesen Brief schreibt Paulus, der Apostel. Nicht Menschen haben mich dazu berufen oder beauftragt, sondern ich bin von Jesus Christus selbst zum Apostel bestimmt worden und von Gott, dem Vater, der Jesus von den Toten auferweckte.
2 Ich schreibe im Namen aller Brüder und Schwestern, die hier bei mir sind, und grüße die Gemeinden in Galatien.
3 Euch allen wünschen wir Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.
4 Er hat sein Leben für unsere Sünden hingegeben und uns davon befreit, so leben zu müssen, wie es in dieser vergänglichen, vom Bösen beherrschten Welt üblich ist. Damit erfüllte er den Willen Gottes, unseres Vaters.
5 Ihm gebühren Lob und Ehre in alle Ewigkeit. Amen.
6 Ich wundere mich sehr über euch. Gott hat euch doch in seiner Gnade das neue Leben durch Jesus Christus geschenkt, und ihr kehrt ihm so schnell wieder den Rücken. Ihr meint, einen anderen Weg zur Rettung gefunden zu haben?
7 Doch es gibt keinen anderen! Es gibt nur gewisse Leute, die unter euch Verwirrung stiften, indem sie die Botschaft von Christus ins Gegenteil verkehren wollen.
8 Wer euch aber einen anderen Weg zum Heil zeigen will als die rettende Botschaft, die wir euch verkündet haben, den wird Gottes Urteil treffen – auch wenn wir selbst das tun würden oder gar ein Engel vom Himmel.
9 Ich sage es noch einmal: Wer euch eine andere Botschaft verkündet, als ihr angenommen habt, den soll Gottes Urteil treffen!
Warum dieser Brief heute brandaktuell ist
Der Galaterbrief ist kein netter theologischer Aufsatz. Er ist kein höflicher Rundbrief. Er ist ein Notruf.
Paulus schreibt diesen Brief nicht aus einer entspannten Stimmung heraus. Er schreibt ihn aufgewühlt, leidenschaftlich, fast schockierend direkt.
Schon im ersten Kapitel merkt man: Hier geht es nicht um Nebensächlichkeiten. Hier geht es nicht um Stilfragen, nicht um Gemeindeformen, nicht um Musikrichtungen oder Liturgien.
Hier geht es um das Herz des Evangeliums.
Genau das brauchen wir heute mehr denn je.
Denn wir leben zwar nicht mehr im 1. Jahrhundert, aber wir sind immer noch Menschen – und Menschen haben eine erstaunliche Fähigkeit, aus dem Evangelium Religion zu machen.
Was ich heute unter „Religion“ meine
Bevor wir tiefer in Galater 1 einsteigen, müssen wir eines klären.
Wenn ich heute von Religion spreche, meine ich nicht:
Kirchen
Gottesdienste
Bibellesen
Gebet
Lobpreis
geistliche Disziplinen
All das kann wunderbar, gesund und lebensspendend sein.
Religion definiere ich heute so – und das ist ganz bewusst zugespitzt:
Religion ist der menschliche Versuch, Gott mit meiner Leistung, meinen Übungen oder meinem Verhalten gnädig zu stimmen.
Religion sagt:
„Wenn ich genug bete, dann…“
„Wenn ich mich genug anstrenge, dann…“
„Wenn ich geistlich genug bin, dann…“
Religion ist immer ein System, in dem ich versuche, mir etwas bei Gott zu verdienen.
Wie Religion sich gestaltet, ändert sich im Lauf der Zeit. Die Beschneidung und andere jüdische Vorschriften beschäftigen uns heute nicht mehr. Aber trotzdem bleibt der Mensch von sich aus „unheilbar religiös“.
Und genau dagegen richtet sich der Galaterbrief mit voller Wucht.
Galater 1,1–5: Der Ursprung des Evangeliums
Bevor Paulus in seinem Brief ungewöhnlich scharf wird, stellt er zuerst etwas klar. Er sagt über sich als Apostel:
„Nicht Menschen haben mich dazu berufen oder beauftragt, sondern ich bin von Jesus Christus selbst zum Apostel bestimmt worden und von Gott, dem Vater, der Jesus von den Toten auferweckte.“ (Galater 1,1)
Warum betont Paulus das so stark?
Weil das Evangelium keine menschliche Idee ist.
Nicht:
ein moralisches Konzept
eine religiöse Philosophie
ein spiritueller Lebensstil
Das Evangelium kommt von Gott.
Und deshalb ist es nicht verhandelbar.
Schon in den ersten Versen bringt Paulus das Zentrum auf den Punkt:
„Er [Jesus] hat sein Leben für unsere Sünden hingegeben und uns davon befreit, so leben zu müssen, wie es in dieser vergänglichen, vom Bösen beherrschten Welt üblich ist.“ (Galater 1,4)
Das ist kein Appell an bessere Leistung. Das ist eine Rettungsaktion.
Jesus kam nicht, um uns ein neues religiöses Programm zu bringen. Er kam, um uns herauszureißen.
Religion sagt: „Arbeite dich zu Gott hoch.“
Das Evangelium sagt: „Gott kommt runter zu dir.“
Religion sagt: „Das, was Jesus getan hat, ist noch nicht genug!“
Das Evangelium sagt: „Es ist vollbracht!“
Galater 1,6–9: Das andere Evangelium, das keines ist
Und dann kommt Paulus mit einem Satz, der bis heute einschlägt:
„Ich wundere mich sehr über euch. Gott hat euch doch in seiner Gnade das neue Leben durch Jesus Christus geschenkt, und ihr kehrt ihm so schnell wieder den Rücken.“ (Galater 1,6)
Neues Leben Übersetzung: Ich kann es nicht fassen, dass ihr euch so schnell von Gott abwendet…
Paulus ist spürbar entsetzt.
Und dann stellt er etwas Entscheidendes fest:
„Ihr meint, einen anderen Weg zur Rettung gefunden zu haben? Doch es gibt keinen anderen!“
Das ist wichtig.
Es gibt kein anderes:
kein „liberales Evangelium“
kein „Wohlstands Evangelium“
kein „radikales Evangelium“
kein „zeitgemäßes Evangelium“
Es gibt nur eines!
Und dieses eine Evangelium wird sofort zerstört, wenn man Leistung dazu mischt.
Die Irrlehrer in Galatien sagten nicht: „Jesus ist falsch.“
Sie sagten: „Jesus reicht nicht.“ „Er allein ist nicht genug.“
Und das ist der Punkt, an dem Religion entsteht.
Nicht dort, wo Jesus geleugnet wird – sondern dort, wo Jesus ergänzt wird.
Jesus plus Gesetz. Jesus plus Beschneidung. Jesus plus religiöse Praxis.
Jesus plus diese, oder jene geistliche Erfahrung.
Und Paulus sagt: Das ist kein Upgrade – das ist ein Absturz.
Warum Religion für uns so attraktiv ist
Warum fällt es uns so leicht, wieder in Religion zurückzufallen?
Weil Religion:
uns Kontrolle gibt
uns Vergleichbarkeit gibt
uns das Gefühl gibt, etwas beitragen zu können
Religion fühlt sich sicher an.
Ich weiß:
was ich tun muss
wie viel ich tun muss
wann ich „gut genug“ bin
Das Evangelium dagegen ist radikal.
Es sagt: „Du kannst nichts betragen – und bekommst alles.“
Alles, was Jeus von dir will, ist dein Herz.
Und das ist für unser Ego schwer auszuhalten.
Religion streichelt unser religiöses Selbstbewusstsein. Gnade tötet es.
Weil diese Sache so wichtig ist, formuliert Paulus auch so radikal:
„Wer euch eine andere Botschaft verkündet, als ihr angenommen habt, den soll Gottes Urteil treffen!“ (Galater 1,9)
In manchen Übersetzungen steht sogar: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, … der sei verflucht.
Das griechische Wort „anathema“ meint nicht „verfluchen“ im engeren Sinn, sondern „dem Gericht Gottes übergeben.“
Galater 1,10: Für wen lebe ich eigentlich?
Paulus stellt eine messerscharfe Frage:
„Rede ich den Menschen nach dem Munde, oder geht es mir darum, Gott zu gefallen? Erwarte ich, dass die Menschen mir Beifall klatschen? Dann würde ich nicht länger Christus dienen.“ (Galater 1,10)
Religion lebt immer vom Blick der anderen.
Bin ich geistlich genug?
Bin ich konsequent genug?
Wirke ich fromm genug?
Religion braucht Publikum.
Das Evangelium braucht nur Gott.
Wer aus Gnade lebt, muss niemandem mehr etwas beweisen. Wer aus Leistung lebt, ist ständig auf der Bühne.
Und vielleicht ist das heute eine ehrliche Diagnose für manche von uns:
Sind wir erschöpft, weil Jesus uns zu viel aufträgt, oder weil wir uns selbst zu viel aufladen?
Bitte das jetzt nicht als Auftrag verstehen, alle Dienste im Reich Gottes aufzuhören! Aber durchaus dazu ins Gebet zu gehen und Jesus zu fragen, wie viel von dem, was wir „für ihn“ tun, er wirklich in Auftrag gegeben hat. Und wie viel wir aus einer falschen Motivation heraus tun.
Paulus war extrem religiös und eifrig, bevor Jesus ihm persönlich begegnet ist.
Er sagt: „…ich übertraf viele meiner Altersgenossen im Judentum…“ (Galater 1,14)
Wenn jemand sich Gottes Gunst hätte verdienen können, dann Paulus.
Und doch sagt er: „Als die Zeit dafür gekommen war, ließ er mich seinen Sohn erkennen.“ (Galater 1,15–16)
Nicht:
„als ich genug geleistet hatte“
„als ich endlich würdig war“
„als ich alles richtig machte“
Sondern: als die Zeit dafür gekommen war/als es Gott wohlgefiel
Das Evangelium beginnt nicht bei mir, sondern bei Gottes Entscheidung.
Christus ist das Ende der Religion!
Und damit sind wir beim Kern.
Christus ist nicht:
der Höhepunkt der Religion
die beste Version der Religion
das Upgrade der Religion
Christus ist ihr Ende.
Warum?
Weil am Kreuz alles erledigt wurde.
Wenn Jesus sagt: „Es ist vollbracht“, dann meint er:
Deine Schuld ist bezahlt
Deine Leistung ist überflüssig
Dein Versuch, Gott gnädig zu stimmen, ist beendet
Religion sagt: „Tu mehr!“
Jesus sagt: „Es ist genug.“
Was das ganz praktisch bedeutet
Lass uns das runterbrechen – ganz lebensnah.
1. Du darfst aufhören, dich zu vergleichen
Gnade befreit dich vom geistlichen Wettbewerb.
Du musst nicht sein wie:
der besonders geistliche Christ
die scheinbar perfekte Familie
der konsequente Bibelleser
Du darfst du sein – geliebt, angenommen, getragen.
2. Du darfst ehrlich scheitern
Religion vertuscht Versagen. Gnade bringt es ans Licht – ohne Angst.
Du musst Gott nichts vorspielen. Er kennt dich ohnehin.
Und er liebt dich trotzdem.
3. Du darfst aus Beziehung leben, nicht aus Pflicht
Gebet ist kein Punktesystem. Bibellesen ist kein Beweis deiner Hingabe. Gemeinde ist kein religiöser Leistungsnachweis.
Alles was wir tun, ist eine Antwort auf seine Liebe! – nicht Voraussetzung, damit er mich annimmt.
Der Galaterbrief wird uns begleiten und herausfordern. Lies ihn durch! Er wird uns manchmal den Boden unter den Füßen wegziehen.
Aber nicht, um uns zu Fall zu bringen – sondern um uns frei zu machen.
Frei von:
religiösem Druck
geistlicher Erschöpfung
verstecktem Leistungsdenken
Diese Serie beginnt mit einer klaren Grundlage:
Christus ist das Ende der Religion – und der Anfang des Lebens.
Und vielleicht ist heute der Moment, an dem du innerlich sagst:
„Jesus, ich höre auf, zu versuchen. Ich empfange.“




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