Als die Zeit erfüllt war
- Peter Köttritsch
- 25. Dez. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Dez. 2025
Sohn: "Papa, weißt du, welcher Zug am meisten Verspätung hat?"
Vater: "Nein."
Sohn: "Der, den du mir letztes Jahr zu Weihnachten schenken wolltest!"
Die Bahn ist leider nicht mehr für ihre Pünktlichkeit bekannt, aber einer ist ein wahrer Meister des Timings: Gott!
Es gibt in der Bibel nicht nur die bekannte Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium (Hirten, Engel, Herbergssuche…), sondern auch mehrere „kleine“ Weihnachtsgeschichten.
Bronwin hat z. B. am ersten Advent über die Weihnachtsgeschichte in Johannes 1,14 gepredigt, wo es heißt: Er, der das Wort ist, wurde Mensch und lebte unter uns.
So eine kurze Weihnachtsgeschichte finden wir auch, quasi zwischen den Zeilen, in Galater 4,4: Als aber die von Gott festgesetzte Zeit kam, sandte er seinen Sohn zu uns.
Luther Übersetzung: „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn“ – so schlicht, so nüchtern schreibt es Paulus im Brief an die Galater. Kein Stall, kein Stern, keine Engel. Und doch steckt in diesem einen Satz das ganze Geheimnis von Weihnachten.
Die Zeit war erfüllt. Nicht irgendwann. Nicht zufällig. Sondern genau dann, als Gott den richtigen Zeitpunkt gekommen sah – nicht, als die Welt dachte, jetzt sind wir bereit dafür! Es war eine Zeit voller Unruhe, politischer Machtspiele, sozialer Spannungen, religiöser Erwartungen. Eine Zeit, in der viele hofften, aber wenige wirklich damit rechneten, dass Gott selbst kommen würde. Und genau da kommt er.
Weihnachten erzählt uns: Gott wartet nicht, bis alles aus unserer Perspektive perfekt ist. Er wartet nicht, bis die Menschen frommer, gerechter oder friedlicher sind. Er kommt einfach mitten hinein. Zu einem Zeitpunkt, den er bestimmt. Im Nachhinein hat sich Gottes Timing noch immer als perfekt heraus gestellt. In der Situation jedoch, war und ist der eine oder andere damit überfordert.
Wir sehen das auch ganz konkret in der Weihnachtsgeschichte nach Matthäus 1,18–25:
Vor dieser Geschichte lesen wir bei Matthäus die Liste der Vorfahren Jesu. Seinen Stammbaum, der so wie bei allen Juden auf Abraham zurück reicht.
Und dieser Stammbaum hat es bereits in sich. (Keine Sorge, ich werde ihn jetzt nicht vorlesen!) Dort finden sich nicht nur große Namen, wie die der Erzväter und Könige (David, Salomo…), sondern es werden dort auch 5 Frauen erwähnt. Das allein war damals schon ungewöhnlich. Aber dazu kommt, dass jede dieser Erwähnungen mit einer mehr oder weniger peinlichen Geschichte verknüpft war. Der Stammvater Juda zeugte beispielsweise mit seiner Schwiegertochter Zwillinge (1. Mose 38). Die Prostituierte Rahab findet sich darin genauso wie die Moabiterin (=Erzfeind!) Rut.
Auch Davids Ehebruch mit Batseba (einschließlich dem Auftragsmord an ihrem Ehemann) kann man zwischen den Zeilen herauslesen.
Und dann wird da am Ende noch Maria, die Mutter Jesu erwähnt, die ja auch schwanger wurde, bevor sie verheiratet war. Skandal!
Am Ende dieses Abschnittes heißt es:
Matthäus 1, 17: Von Abraham bis zu David sind es also vierzehn Generationen. Auch von David bis zur Verbannung des Volkes nach Babylonien sind es vierzehn Generationen, und von dieser Zeit bis zu Christus, dem von Gott erwählten Retter, noch einmal vierzehn.
14 ist das doppelte von 7. Die Zahl der Vollkommenheit und die Zahl Gottes.
Matthäus 1, 18-24
Und so wurde Jesus Christus geboren: Seine Mutter Maria war mit Josef verlobt. Noch bevor sie geheiratet und miteinander geschlafen hatten, erwartete Maria ein Kind. Sie war vom Heiligen Geist schwanger geworden.
Josef war ein Mann, der sich an Gottes Gebote hielt, er wollte Maria aber auch nicht öffentlich bloßstellen. So überlegte er, die Verlobung stillschweigend aufzulösen.
Noch während er darüber nachdachte, erschien ihm im Traum ein Engel des Herrn und sagte: »Josef, du Nachkomme von David, zögere nicht, Maria zu heiraten! Denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist.
Sie wird einen Sohn zur Welt bringen, den sollst du Jesus nennen (›Der Herr rettet‹). Denn er wird die Menschen seines Volkes von ihren Sünden befreien.«
Dies alles geschah, damit sich erfüllte, was der Herr durch seinen Propheten vorausgesagt hatte:
»Die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Den wird man Immanuel nennen.« – Immanuel bedeutet »Gott ist mit uns«.
Als Josef aufwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm aufgetragen hatte, und heiratete Maria.
Er schlief aber nicht mit ihr bis zur Geburt ihres Sohnes. Josef gab ihm den Namen Jesus.
Keine Heldengeschichte. Keine makellose Familie. Maria ist schwanger, Josef ist verzweifelt, verletzt, ratlos. Seine Zukunftspläne zerbrechen. Und dann dieser Traum, diese leise Stimme Gottes: „Fürchte dich nicht.“
Weihnachten, das Kommen Jesu, beginnt für Maria und Josef nicht mit Jubel, sondern mit Angst. Nicht mit Klarheit, sondern mit Zweifel. Nicht mit Stärke, sondern mit Überforderung.
„Fürchte dich nicht“ – nicht, weil es nichts zu fürchten gäbe, sondern weil Gott mitten in der Furcht da ist.
Vielleicht kennst du solche Nächte wie Josef. Nächte, in denen die Gedanken kreisen. Nächte, in denen wir Entscheidungen nicht mehr aufschieben können.
Eine Mutter, die sich fragt, wie es mit ihrem Kind weitergeht. Ein Vater, der seine Arbeit verloren hat. Eine Diagnose, die alles verändert. Ein Konflikt, der sich nicht lösen lässt.
Und Gott? Er kommt oft nicht mit fertigen Lösungen. Aber er kommt mit seiner Nähe.
Genau dort, wo wir unsere Furcht und unsere Sorgen bei Gott abladen, beginnt er zu handeln.
So auch bei Josef. Wir erfahren im weiteren Neuen Testament nicht viel von ihm. Er wird kein großer Führer seines Volkes, kein begnadeter Redner, kein Wundertäter. Er tut etwas scheinbar Kleines – aber Entscheidendes: Er vertraut. Er nimmt Maria zu sich. Er übernimmt Verantwortung. Er öffnet sein Leben für Gottes Plan, auch wenn er ihn nicht ganz versteht.
Matthäus zitiert den Propheten Jesaja:
„Man wird ihm den Namen Immanuel geben – Gott mit uns.“
Das ist kein theologischer Titel. Das ist eine Lebenszusage.
Gott ist mit uns – in unseren Beziehungen, in unseren Fragen, in unserer Müdigkeit.
Nicht nur an den hellen Tagen. Sondern gerade dann, wenn wir ihn am wenigsten spüren.
Und hier berührt Weihnachten unser Heute.
Denn was bedeutet es für uns, dass Jesus damals in die Welt gekommen ist?
Es bedeutet erstens: Gott ist kein ferner Beobachter. Er kennt unsere Ängste, unsere Unsicherheiten, unsere schlaflosen Nächte. In Jesus hat Gott selbst erfahren, wie zerbrechlich menschliches Leben ist. Weihnachten sagt uns: Du bist mit deinem Leben Gott nicht egal.
Gott nimmt unsere Geschichte ernst:
Kein Leben ist ihm zu unscheinbar.
Hoffnung muss nicht laut sein, sondern persönlich zu uns passen.
Liebe darf verletzlich sein.
Jesus kommt nicht, um uns zu beeindrucken. Er kommt, um uns zu begegnen.
Zweitens bedeutet es: Gott kommt uns näher, als wir denken. Nicht im Palast, sondern im Stall. Nicht im Lauten, sondern im Leisen. Nicht im Spektakulären, sondern im Alltäglichen. Auch heute. Vielleicht gerade dort, wo wir ihn am wenigsten erwarten: in einem Gespräch, in einer Versöhnung, in einem Moment der Stille, in einem Menschen, der uns braucht.
Ein Mann erzählte einmal: „Ich hatte mir Weihnachten immer anders vorgestellt. Mit meiner Familie, Harmonie, Kerzen, Liedern. Und dann kam dieses Jahr alles anders. Meine Ehe war zerbrochen. Die Kinder waren nicht da. Ich saß allein im Wohnzimmer.“
Er sagte: „Ich wollte dieses Fest eigentlich überspringen.“
Und dann – ganz unerwartet – klingelte es. Ein Nachbar, der Christ ist, stand auf einmal vor der Tür. Mit zwei Tassen Punsch. Ohne große Worte.
„Nicht perfekt. Aber echt. Und voller Nähe. Da war für mich auf einmal Weihnachten“, sagte der Mann. „Dieser Besuch war das, was ich gebraucht habe, zur richtigen Zeit.
Es war nicht das große Ereignis – sondern ein Moment, in dem Gott durch diesen Nachbarn für mich da war.“
Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn!
Und drittens heißt Weihnachten: Unsere Zeit kann erfüllt werden. Nicht, weil alles gelingt. Sondern weil Gott da ist. Weil mit Jesus ein neuer Maßstab in die Welt gekommen ist: Liebe statt Angst. Hoffnung statt Resignation. Vertrauen statt Rückzug.
Weihnachten ändert nicht sofort die Welt. Aber es verändert unsere Sicht auf die Welt.
Wir lernen, genauer hinzuschauen: Wo ist Gott schon am Werk? Wo geschieht etwas Neues – ganz leise?
Vielleicht im Zuhören. Im Versöhnen. Im Aushalten.
„Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn.“ Ich glaube, auch unsere Zeit ist erfüllt – nicht, weil alles gut ist, sondern weil Gott gerade jetzt kommen will. In unser Leben. In unsere Fragen. In unsere Welt.
So wünsche ich uns ein Weihnachtsfest, das nicht perfekt sein muss – aber offen. Offen für den Gott, der kommt. Damals. Heute. Und immer wieder neu.
Amen.
