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Neue Autorität

Aktualisiert: Apr 29

Meier lässt sich rasieren. Der neue Lehrjunge bedient ihn und die Prozedur fällt auch entsprechend aus.


Beim Zahlen fragt Meier erstaunt: „Wieso heute zwei Euro fünfzig? Sonst bezahle ich doch immer nur zwei Euro?“


„Stimmt“, meint der Meister freundlich, „aber heute kommen noch die vier Pflaster dazu!“



Nur weil etwas neu ist, muss es noch nicht automatisch besser sein. Aber meist ist es schon so, dass beispielsweise ein neues Auto besser fährt, als ein altes, ein neues Kleid lieber getragen wird als ein altes, und eine neue Idee Leute eher motiviert und begeistert, als wenn man Altes wiederholt.


Ich möchte heute noch einmal über das Thema Autorität sprechen, dass uns schon ein paar Wochen beschäftigt. Und auch da gibt es etwas „Neues“. Obwohl Salomon schriebt, dass es nichts neues unter der Sonne gibt!? Zumindest nennt sich ein pädagogisches Konzept „Neue Autorität“. Und dieses Konzept ist zwar nicht explizit christlich, aber es nimmt sehr viele biblische Prinzipien auf und ist deshalb Wert, genauer betrachtet und beachtet zu werden.


Wenn etwas als „Neu“ bezeichnet wird, dann meist deshalb, weil es sich gegenüber etwas Altem abgrenzen will.


Und tatsächlich ist es so, dass der Begriff Autorität nicht immer nur positiv verstanden wurde, gerade in der Pädagogik.


Bis zur Mitte des 20. Jh. spielte Gewalt in der Erziehung eine große Rolle. Die „gsunde Watschn“ ist nur einer von vielen Begriffen und Disziplinierungsmethoden aus dieser Zeit.


Kinderbücher, wie der Struwwelpeter, oder Max und Moritz sind voll von erzieherischem Gedankengut, in dem die Androhung von Gewalt eine wichtige Rolle spielt. Da verhungern Kinder, weil sie ihre Suppe nicht essen wollen, werden daumenlutschenden Kindern beide Daumen abgeschnitten, und Max und Moritz in einer Mühle gemahlen und schließlich den Enten verfüttert.


Auch wenn diese Kinderbücher, auch bei ihrem Erscheinen vor 150-200 Jahren schon als Satire galten, so spiegeln sie doch eine weit verbreitete Auffassung von Autorität wider, die mehr, oder weniger bis in die 1960er Jahre vertreten wurden.


Wer Autorität besitzt, übt Gewalt – im weitesten Sinn des Wortes – aus. Das ist bis heute so. Wir haben schon gehört, dass Autorität an sich nicht schlecht ist, aber die damit verbundene Gewalt, die Autoritätspersonen nun einmal haben, sehr oft in destruktiver Weise eingesetzt wurde und bis heute wird. Oft war es so, dass diese Gewalt, in Form von physischer, manchmal auch psychischer Gewalt gegen Schwächere ausgeübt wurde. Meist geht es konkret um das Verhältnis von Autoritätsperson (Eltern, Lehrer, Erzieher…) und Kindern. Sprich: Die Androhung und das Ausüben von physischer Gewalt war und ist ein ganz großes Erziehungsthema.


Weil aber eben Autorität mit Gewalt gleichgesetzt wurde und bis heute wird, lehnte man, so ab den 1960ern Autorität an sich ab.


Der Gedanken dahinter war: Weil Schläge schlecht sind, suchen wir die Wurzel: Also muss auch Autorität an sich schlecht sein.


Ausgehend von diesem Verständnis von Autorität wurde die Idee der „Antiautoritären Erziehung“ geboren. Wobei Antiautoritär nicht bedeutet, das Kind gar nicht erziehen zu wollen. Aber dieses Modell sah vor, ein Kind auf eine Stufe mit den Erwachsenen zu heben, mit allen Rechten und Pflichten.


Wie ich aber letzte Woche bereits dargelegt habe, stellt der Ansatz Kinder als Partner zu sehen, die selber alles für sich entscheiden dürfen/müssen eher eine Überforderung, als eine Freiheit dar.


Aus diesem Dilemma heraus, dass zwar physische Gewalt eine schlechte Erziehungsmethode ist, aber eine Ablehnung jeglicher Autorität keineswegs gesunde, reife Menschen hervorbringt, sondern eher sozialkompetenzbefreite Egoisten, wurde die Idee der „Neuen Autorität“ entwickelt.


Der israelische Psychologe Prof. Haim Omer schrieb 2016 ein Buch mit dem Titel: „Neue Autorität. Das Geheimnis starker Eltern“


Es gibt in Linz auch ein „Institut für Neue Autorität“ (INA)


In diesem Konzept gibt es 7 Säulen, die wie eingangs gesagt, durchaus biblischen Wertvorstellungen entsprechen. Insofern ist die „Neue Autorität doch wieder nicht so neu, aber das macht nichts.


Ich werde in der folgenden Präsentation der 7 Säulen im Bild der Familie bleiben, also in dem, wie Eltern ihre Kinder mit dem Werkzeug der „neuen Autorität“ zu gesunden, starken und lebendigen Erwachsenen erziehen können. Dieses Modell ist aber genauso für Lehrer, Erzieher, Fußballtrainer und auch für geistliche Leiter, also nicht nur an Kindern anwendbar. Sondern überall dort, wo Autorität in gesunder Weise eingesetzt werden will.


PRÄSENZ & WACHSAME SORGE

Zentrale Botschaften:


Ich bin da! Nicht nur Räumlich, Augenkontakt. (JHWH)

Ich bin dein (Beziehung) & bleibe es! Ungeteilte Aufmerksamkeit.

Ich gebe dir nicht nach und ich gebe dich nicht auf! Konsequent bleiben

Ich kämpfe um dich, nicht gegen dich!


SELBSTKONTROLLE & ESKALATIONSVORBEUGUNG

Autorität zu haben bedeutet Einfluss (auf das Kind) zu haben, aber nicht Kontrolle! Autoritäre Regime versuchen immer Kontrolle auszuüben. (Stasi, Zensur, Propaganda…)


Die einzige Person über die ich Kontrolle haben kann, bin ich selbst. Und zwar über meine Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen. Wenn ich das begriffen habe, führt das zu einer großen Freiheit für alle Beteiligten.


Ich als Elternteil kann im Vorfeld entscheiden, wie ich reagiere, wenn sich mein Kind im Supermarkt auf den Boden schmeißt, nur weil es das Zuckerl bei der Kasse nicht bekommt.


Ich kann mich entscheiden, wenn ich innerlich koche, erst bis 10 zu zählen, bevor ich den Mund aufmache und etwas herausbrülle, dass mir hinterher Leid tut.


Häufig sind Konflikte nichts anderes als ein Machtkampf zwischen Elternteil und Kind. Es gehört zur gesunden Entwicklung eines Kindes dazu, die jeweiligen Grenzen auszuloten, genauso wie das Einlernen von Strategien, wie das Kind seinen Willen durchsetzen kann. Brüllen, schmollen, lügen, ein schlechtes Gewissen machen, aber auch mit den Wimpern klimpern, oder „das brave Kind spielen“ gehören zum gängigen Repertoire eines jeden Kindes. Es probiert einfach die ganze Palette durch und „merkt“ sich sehr gut, was „funktioniert“ bei Mama, oder Papa.


Diese Verhaltensmuster werden unbewusst eingelernt, aber sie verankern sich sehr tief.


UNTERSTÜTZUNGSNETZWERKE & BÜNDNISSE

In einem afrikanischen Sprichwort heißt es: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.“


Nicht nur die Eltern üben Autorität auf ein Kind aus. Auch im Kindergarten, oder in der Schule gibt es Autoritätspersonen, die Einfluss auf ein Kind nehmen. Genauso wie im Sportverein, die Großeltern, evtl. ältere Geschwister, Kigo Mitarbeiter usw. Sie alle erziehen mit. Ob uns das als Eltern recht ist, oder nicht.


Gerade weil so viele Personengruppen ein Kind mitprägen und damit miterziehen, ist es wichtig, untereinander das Gespräch zu suchen, so gut es eben möglich ist. Zumindest Schulen und Bildungseinrichtungen legen mittlerweile großen Wert darauf.


Auch uns als Gemeinde ist es sehr wichtig, dass Eltern und Kinder Mitarbeiter möglichst gut zusammenarbeiten, wenn es um das Wohl und die Entwicklung der Kinder geht.


Ein erster und wichtiger Schritt dorthin ist eine gute Kommunikation und eine gute Beziehung zwischen den Eltern und den Kinderdienst Mitarbeitern.


Sehr oft scheitert die Umsetzung von guten Konzepten an der fehlenden Kraft. „Ich will ja konsequent sein, aber…“


Die Gute Nachricht ist: Du bist nicht allein! Wir als Gemeinde unterstützen einander, so gut wir können. Auch wenn wir räumlich vielleicht weit von einander entfernt wohnen, so können wir doch uns gegenseitig, z.B. im Gebet, telefonisch, oder auch praktisch helfen. Nimm diese Hilfe in Anspruch! Das macht uns als Gemeinde aus! Wir als Gemeinschaft sind viel stärker, als uns in der Regel bewusst ist.


Vor allem aber hat jeder von uns eine direkte Verbindung zu Jesus. Er hilft dir in Situationen, wenn du nicht mehr weiterweißt. Er ist da! (JHWH) Ganz praktisch. 24/7.


PROTEST & GEWALTLOSER WIDERSTAND

Jetzt kommen wir schon ganz konkret zu Situationen, die in der Kindererziehung zum mühevollen Alltag gehören: Das Kind folgt nicht, rebelliert, schreit, oder verhält sich ungezogen. Was tun?


Früher war die Bestrafung, in welcher Form auch immer, die logische Konsequenz. Nicht selten ist dann dem Papa „die Hand ausgerutscht“, oder wurde das Kind zumindest verbal verprügelt.


In der Antiautoritären Erziehung suchte man Verständnis für das Verhalten das Kinders und fand irgendwo anders einen „Schuldigen“, und somit wurde das Verhalten des Kindes legitimiert. Was aber auch nicht zur Lösung des Problems führte. Ganz im Gegenteil.


Ein erster und ganz wichtiger Schritt ist es, dem Kind ganz klar aufzuzeigen, dass du dieses Verhalten nicht tolerieren wirst. Das ist keine Lieblosigkeit dem Kind gegenüber, ganz im Gegenteil! Es wäre eine Lieblosigkeit, es dem Kind nicht aufzuzeigen.


Aber unsere Reaktion als Eltern entscheidet sehr stark darüber, wie sich diese Situation jetzt im Sinne der Liebe lösen lässt. Wie gesagt, das Verhalten entschuldigen zu wollen, hilft weder dem Kind, noch wird es etwas ändern.


Das Kind aus dem Affekt heraus, oder vielleicht sogar wohl überlegt zu schlagen, ist nicht nur gesetzlich verboten, es wird uns vor allem auch nicht dem gewünschten Ziel, dass das Kind sein Verhalten ändert, näherbringen.


Aber beim gewaltlosen Widerstand haben wir nicht nur ein effektives Werkzeug, wir sind plötzlich sogar mitten drin in der Bergpredigt:


Mt 5,39-41: Wenn jemand dir eine Ohrfeige gibt, dann halte die andere Wange auch noch hin!

40 Wenn einer dich vor Gericht bringen will, um dein Hemd zu bekommen, so lass ihm auch noch den Mantel!

41 Und wenn einer von dir verlangt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei Meilen mit ihm!


In diesen Versen verlangt Jesus von uns nicht, dass wir uns anderen (z.B. unseren Kindern) unterwerfen, oder Masochisten werden sollen, sondern dass wir unseren Stand einnehmen (unsere Autorität) und uns nicht von äußeren Umständen, wie z.B. einem schreienden Kind davon abbringen lassen sollen.


Ein Mann, der diesen gewaltlosen Widerstand gelebt hat, war der indische Revolutionsführer Ghandi. Mit seiner Methode des gewaltlosen Widerstandes besiegte er eine Übermacht.


Das Signal, das früher oder später beim Kind ankommen wird, ist: „Du wirst mir nicht deinen Willen aufzwingen.“ So Paradox das auch klingen mag, aber genau diese Botschaft gibt dem Kind Sicherheit. Es weiß dann, auf das Wort von Mama oder Papa kann ich mich verlassen. Diese Erfahrung ist für das Kind enorm wichtig, weil sie Vertrauen schafft.


Was kann ich also in so einer Konflikt Situation tun?


Steigere deine Präsenz. (Säule 1)

Rufe deine Deeskalationsstrategie ab. (Säule 2)

Hol dir Hilfe, wenn nötig (Säule 3)

Lass nicht locker, sondern bleib konsequent

Versichere dem Kind, dass du für es, nicht gegen es kämpfst! Damit zeigst du dem Kind deine Liebe!


VERSÖHNUNG & BEZIEHUNG

Da Konflikte Gott sei Dank nie ewig andauern, ist es ganz entscheidend, wie es dann weitergeht.


Diese Säule der Neuen Autorität ist für uns Christen eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Gerade im familiären Umfeld, sind Versöhnung und die Wiederherstellung einer vertrauensvollen Beziehung eine unverzichtbare Strategie um miteinander leben zu können.


Eph 4,26: Versöhnt euch wieder und lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.


Das gilt nicht nur für Ehepaare, sondern natürlich auch für die Beziehung zwischen Eltern und Kindern.


Was du als Elternteil dazu beitragen kannst, sind versöhnungs- und beziehungsstiftende Gesten. Sätze wie: „Du bist mir viel zu wichtig, als dass diese Sache zwischen uns stehen bleibt!“, oder „Weil ich dich lieb habe, bleibe ich konsequent!“, vermitteln dem Kind, dass es zwar sein Verhalten ändern muss, aber trotzdem geliebt und angenommen ist.


Wir als Erwachsene und ganz besonders als Gläubige müssen den ersten Schritt hin zur Versöhnung machen.


TRANSPARENZ

Wenn du dir selber gegenüber, deinem Kind gegenüber und auch deiner Umwelt gegenüber sichtbar machst:


Dass du handelst,

wofür du handelst und

wie du handelst,

wird das dazu führen, dass du mehr Vertrauen in deine eigene Kompetenz als Elternteil bekommst und gleichzeitig ein gutes Vorbild für andere wirst. Auf diese Weise wird ein Stück des Reiches Gottes ganz praktisch sichtbar.


Wir brauchen und wir sollen unser Licht nicht unter den Scheffel stellen. Die Haltung „Nur ja nicht zu positiv auffallen, sonst erscheine ich als zu wenig demütig“, ist alles andere als im Sinne Jesu!


WIEDERGUTMACHUNGEN

Auch diese Säule steht auf biblischen Boden. Bereits im AT Gesetz ist dieses Prinzip der Wiedergutmachung verankert.


Wenn in der Bibel von Gericht, oder Strafe die Rede ist, dann schwingt immer der Gedanke mit, dass das, was kaputt gegangen ist, wieder in irgendeiner Weise wiederhergestellt wird.


Die Erfahrung zeigt, dass allgemeine Strafen und Sanktionen bei Konflikten aller Art in vielen Fällen nicht zu den gewünschten Lerneffekten führen. Wenn aber Kinder unmittelbar in einen zusammenhängenden Wiedergutmachungsprozess geführt werden, hilft es ihnen selbst ihr destruktive Verhalten nicht nur einzusehen, sondern es auch zu ändern.


Dabei ist es wichtig, das Kind auf dem Wiedergutmachungsprozess zu begleiten und gemeinsam mit dem Kind altersgemäße Vorschläge zu erarbeiten.


Das kann eine ehrlich gemeinte Entschuldigung sein. Aber auch, dass wenn beispielsweise das Kind etwas mutwillig kaputt gemacht hat, es den Schaden durch Mithilfe im Haushalt „abarbeitet“, oder anderwärtig ersetzt. Es soll in jedem Fall, so gut als möglich ein, für das Kind nachvollziehbarer Bezug zwischen dem Fehlverhalten und der Wiedergutmachung bestehen.


Die Neue Autorität basiert auf:


einer respektvollen Beziehung und nicht auf Macht und Vergeltung.

Gewaltlosigkeit und ist eine Führungs- und Selbstführungshaltung.

Autorisierung durch eine unterstützende Gemeinschaft.

das Freiwerden innerer Stärke durch Beharrlichkeit und Widerstand.

Integrität durch Gewaltverzicht, Selbstkontrolle und Transparenz.


Wie gesagt, helfen uns diese Werkzeuge nicht nur in der Erziehung der eigenen Kinder. Weil diesen Tools viele Werte des Reiches Gottes zugrunde liegen, können wir sie auch beim Umgang miteinander im Gemeindealltag sehr gut einsetzen. Sie werden dazu beitragen, dass das Reich Gottes innerhalb, aber auch außerhalb der Gemeinde sichtbar wird.

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