„Angeklagter, hatten Sie einen Genossen, als sie den Einbruch ausführten?“

„Nein, Herr Richter, ich hatte keinen genossen, ich war vollkommen nüchtern!“

 

Ich hoffe ihr seid auch alle vollkommen nüchtern und vollkommen bei der Sache, wenn ich euch heute etwas über das „Vollkommen sein“ erzählen möchte.

 

Im Lied: „Heilig ist der Herr“ wird Gott als „vollkommen gerecht und vollkommen gut“ bezeichnet.

In der Bibel werden Gottes Werke, seine Wege, sein Gesetz und seine Schönheit als vollkommen bezeichnet.

Jesus sagt, dass der Vater im Himmel vollkommen ist. Ich glaube, es gibt keinen gläubigen Christen, der dieser Aussage widerspricht.

 

Diese Aussage Jesu lesen wir interessanterweise in der Bergpredigt, und jeder der die Bergpredigt kennt, weiß dass Jesus darin Dinge sagt, die uns, nicht nur auf den ersten Blick, sehr herausfordern.

Wer von euch schätzt sich glücklich, wenn er/sie verfolgt wird?

Wie hältst du es tatsächlich mit der Feindesliebe?

Wer von euch hat sich ein Auge ausgerissen, oder eine Hand abgehackt, weil dieser Körperteil euch zur Sünde verführen wollte?

 

Noch so eine Aussage, die zumindest mich überfordert, finden wir in Mt 5,48: Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

 

Dass Gott vollkommen ist, damit habe ich kein Problem. Aber dass ich auch so – nicht nur nach menschlichen Maßstäben – vollkommen sein soll, wie unser himmlischer Vater… Da habe ich noch einen weiten Weg vor mir.

 

Das tröstlichste an diesem Gedanken ist, dass ich nicht alleine auf diesem Weg bin.

 

Es ist ja nicht so, dass Christen es nicht schon mehrfach versucht hätten vollkommen zu werden. Manche sind auf dieser Vollkommensleiter auch ganz schön weit gekommen. Bei manchen von diesen Menschen war der Fall dann aber umso tiefer.

 

Wir strecken uns in der Gemeinde nach Reinheit und Heiligkeit aus. Wir glauben, dass Gott uns dahin bringen will. Wir müssen nur darauf achten, dass wir das, was der HG in uns begonnen hat, versuchen mit eigener Kraft – die Bibel spricht von unserem „Fleisch“ – zu Ende zu bringen. Genau das ist nämlich sehr oft in der Geschichte passiert.

 

Es gibt die Behauptung: „Das einzige, das der Mensch aus der Geschichte gelernt hat, ist dass er nichts gelernt hat.“

Ich teile diese Behauptung nicht. Zumindest nicht in seiner vollen Tragweite. Manche Dinge in der Geschichte wiederholen sich tatsächlich immer wieder. Es gibt Gott sei Dank auch immer wieder Beispiele, wo Menschen die Fehler ihrer Vorfahren nicht wiederholt haben.

 

Ich möchte mit euch einen kurzen Blick in die Geschichte der sogenannten Heiligungsbewegung werfen. Vor zwei Wochen habe ich euch erzählt, dass wir zwar Heilige sind, aber gleichzeitig heiliger werden sollen. Und dass das nicht bedeutet, dass wir uns mehr anstrengen müssen um tunlichst keine Sünden zu begehen, sondern es bedeutet, uns ganz und ausschließlich Gott zur Verfügung zu stellen.

Wie gesagt, haben sich schon Christen, viele Generationen vor uns mit diesem Thema befasst. Ab dem 18. Jh. gab es die bereits erwähnte Heiligungsbewegung. Die Vorläufer dieser Bewegung gehen auf die Zeit nach der Reformation zurück. Eine Zeit, in der es vielen Menschen ermöglicht wurde, die Bibel in ihrer Muttersprache zu lesen.

Den „gewöhnlichen“ Katholiken (Laien) war es ja bis in die Mitte des 20Jh verboten die Bibel zu lesen. Aber für die Protestanten war die Bibel und das Lesen darin ein kostbarer Schatz, von dem sie regen Gebrauch machten.

Du bist sicher nicht der Erste, dem beim Bibellesen auffällt, dass zwischen dem Anspruch, den Jesus für seine Nachfolger aufgestellt hat und dem tatsächlichen Leben heute eine mehr oder weniger große Kluft besteht. Dass das, wovon wir im NT lesen, von den Wundern, den Heilungen, dem übernatürlichen Wirken Gottes, scheinbar bei uns nicht mehr passiert. Wir empfinden, ähnlich wie die Menschen, die nach der Reformationszeit die Bibel gelesen haben, dass wir heute das Wirken Gottes nicht mehr so krass erleben.

 

Nachdem Jesus ja derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit (Heb 13,8), muss es an uns liegen, dass wir ihn nicht mehr so erleben, oder?

 

Also fingen diese Gläubigen vor etwa 300 Jahren an nach Wegen zu suchen, wie sie diese Lücke schließen können. Oder anders ausgedrückt: Sie suchten nach Möglichkeiten so rein, so heilig und so vollkommen zu sein wie es für Menschen möglich ist. Damit Gott sie auch so gebrauchen konnte, wie die Apostel des ersten Jahrhunderts.

 

John Wesley (1703-1791) war ursprünglich Pfarrer in der Anglikanischen Kirche, als er im Alter von 33 Jahren zum lebendigen Glauben an Jesus fand. Danach wurde er zu einem leidenschaftlichen Prediger. Tausende Menschen in England und den USA kamen zum Glauben durch seine Predigten. Zusammen mit seinem Bruder Charles gründete er die Methodistenkirche.

Er lehrte unter anderem, dass es ein auf Erden erreichbares Ziel des christlichen Lebens sei, frei von bösen Gedanken und Neigungen – also vollkommen – zu werden.

Bereits zu seinen Lebzeiten gab es heftigen Widerstand gegen diese Lehre, unter anderem von Graf Nikolaus von Zinsendorf, durch dessen Arbeit er zuvor zum lebendigen Glauben fand.

Dieser schrieb sine Gedanken diesbezüglich an Wesley: „Der größte Heilige kann morgen der größte Sünder sein, wenn er sich etwas auf seine Heiligkeit einbildet.“ (M. Schmidt: „John Wesley, Leben und Werk“ Bd. 2 S. 52)

 

Wesley beanspruchte für sich selbst nie das Attribut „Vollkommen“ zu sein, aber andere nahmen diesen Gedanken später auf und so entwickelten sich später einerseits geistliche Aufbrüche, und es kam zu einigen Erweckungen in vielen Teilen der Welt. Es gab andererseits zum Teil aber auch recht abgehobene, schwärmerische Gruppierungen.

Das was mit der Vollkommenheit einhergeht, ist dann logischerweise auch die Unfehlbarkeit. Wenn Gott mir gesagt hat, dass ich recht habe, dann hast du schlechte Karten, wenn du anderer Meinung bist.

 

Oftmals sind es aber nur Kleinigkeiten, die aus einem brillanten, göttlichen Gedanken eine Irrlehre machen. Beispielsweise, indem man das was diesem Gedanken zugrunde liegt, noch weiter auf die Spitze treibt, bis er ungesunde Formen annimmt.

Z.B.: Gottes Gebot (10 Gebote) ist gut. Aber wenn es nur noch um die Einhaltung der Gebote geht, wird daraus ganz schnell Gesetzlichkeit.

 

Etwas, das die Erweckungen des 19. Jh. verbindet, ist dass sie meist von kurzer Dauer waren und von ihnen langfristig gesehen nicht viel übrigblieb. Sie waren also, um es mit einem derzeit viel gebrauchten Wort zu sagen nicht nachhaltig.

 

Es waren meist Menschen, die sich in größter Hingabe an Gott übten und nach Vollkommenheit trachteten, die Auslöser dieser Erweckungen waren.

Eines der größten Erweckungen gab es in Wales im Jahr 1904. Über 100.000 Menschen kamen in weniger als einem Jahr zum Glauben. Auch wenn andere Teile Großbritanniens und der USA von dem Feuer das dort brannte angesteckt wurden, so blieb doch langfristig gesehen sehr wenig an Frucht übrig.

 

Die tragende Figur bei dieser Erweckung war ein junger Mann namens Evan Roberts. Schon als Jugendlicher setzte er sich voller Eifer für Gott ein. Im Oktober 1904, kurz nachdem er eine theologische Ausbildung begonnen hatte, begann er in einer Reihe von kleinen Veranstaltungen zu sprechen. Schnell wuchs seine Zuhörerschar in die Tausende. Innerhalb von nur zwei Wochen erregte die Erweckungsbewegung großes Aufsehen und wurde Zeitungsnachricht. Daraufhin gingen Evan Roberts und sein Bruder Dan zusammen mit ihrem besten Freund Sidney Evans auf Tour. In weitem Umkreis veranstalteten sie Evangelisationsabende. (Wikipedia)

Allerdings meinte Evans in seiner Hingabe „alles für den HG geben zu müssen“. Er gönnte sich kaum noch Schlaf und verausgabte sich total. Die Folge war ein körperlicher und emotionaler Zusammenbruch, mit dem auch das Ende der Erweckung einherging.

 

Nicht nur Genie und Wahnsinn liegen oft eng beieinander, auch vollkommene geistliche Hingabe und emotionaler, körperlicher leider manchmal auch geistlicher Schiffbruch. Evans verlor zwar nicht seinen Glauben, aber er litt danach an Depressionen und lebte sein restliches Leben zurückgezogen.

 

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Jesus, als er sagte, dass wir vollkommen sein sollen, meinte wir müssen für ihn ausbrennen.

Das, was Jesus uns in der Bergpredigt vorhält, ist keine Arbeitsbeschreibung für das Leben als Christ, es ist ein Spiegel an dem wir erkennen sollen, was – oder genauer gesagt wen wir brauchen, um überhaupt geistlich leben zu können.

 

Jesus sagt nicht: Streng dich mehr an, damit du endlich vollkommen wirst. Er sagt: Du schaffst dieses hohe Ziel aus eigener Anstrengung heraus sowieso nicht, deshalb vertrau mir! ICH bin der, der alles dafür getan hat, damit du vollkommen sein kannst. Wenn du mein Jünger bist und der Vater im Himmel dich ansieht, denn sieht er mich. Nicht nur beim jüngsten Gericht, sondern hier und heute.

 

Und deshalb heißt vollkommen zu sein nicht, dass ich keine Fehler mehr mache, auch nicht, dass ich nie wieder einen bösen, oder sündigen Gedanken habe, sondern es bedeutet, dass Jesus in mir immer größer und sichtbarer wird. Nicht nur für den Vater im Himmel, sondern für alle Menschen, mit denen ich jeden Tag zu tun habe.

Dass Jesus jeden Tag mehr Raum in meinem Denken, in meinem Handeln und in meinem Herzen einnehmen darf.

Dieses Jesus mehr Raum in meinem Leben geben ist aber kein linearer Prozess. Heute hat Jesus 38,7% meines Lebens, morgen hat er 38.8% und übermorgen, da lese ich mehr in der Bibel und erreiche dann 39%.

Es wird ein auf und ab sein.

 

Wenn ich geistlich gesund bin, dann wird diese Wellenbewegung langfristig nach oben zeigen, aber es bleibt eine Wellenbewegung, keine Linie.

Ja, mein altes Ego, mein Fleisch ist bei der Taufe ersäuft worden. Das nehme ich im Glauben an. Aber trotzdem muss ich jeden Tag dagegen ankämpfen. Wir leben im Zeitalter des Glaubens. Erst wenn Jesus wiederkommt, werden wir in dem Sinne vollkommen sein, dass dieser Kampf dann vorbei ist. Hier auf Erden ist er leider noch nicht vorbei.

 

Bis dahin müssen wir mit der Spannung leben, mit der auch Paulus zu kämpfen hatte.

In Phil 3 warnt er eindringlich die Gläubigen von denen, die uns Lasten aufbürden wollen, die wir gar nicht tragen können.

 

Phil 3,9-14:

Ich verlasse mich nicht mehr auf mich selbst oder auf meine Fähigkeit, Gottes Gesetz zu befolgen, sondern ich vertraue auf Christus, der mich rettet. Denn nur durch den Glauben werden wir vor Gott gerecht gesprochen.

10 Mein Wunsch ist es, Christus zu erkennen und die mächtige Kraft, die ihn von den Toten auferweckte, am eigenen Leib zu erfahren. Ich möchte lernen, was es heißt, mit ihm zu leiden, indem ich an seinem Tod teilhabe, 11 damit auch ich eines Tages von den Toten auferweckt werde!

12 Ich will nicht behaupten, ich hätte dies alles schon erreicht oder wäre schon vollkommen! Aber ich arbeite auf den Tag hin, an dem ich das alles mein Eigen nenne, weil auch Christus mich ja schon sein Eigen nennt.

13 Nein, liebe Freunde, ich bin noch nicht alles, was ich sein sollte, aber ich setze meine ganze Kraft für dieses Ziel ein. Indem ich die Vergangenheit vergesse und auf das schaue, was vor mir liegt,

14 versuche ich, das Rennen bis zum Ende durchzuhalten und den Preis zu gewinnen, für den Gott uns durch Christus Jesus bestimmt hat.

 

„Die Vergangenheit vergessen und auf das schauen, was vor mir liegt“, nennt Paulus als Rezept um diesem hohen Ziel der Vollkommenheit näher zu kommen. Wenn du ein Jünger Jesu bist, was, oder besser gesagt wen siehst du vor dir? Jesus! Er ist alles, was wir zur Vollkommenheit brauchen.