„Herr Richter, wenn Sie mir genügend Zeit lassen, kann ich dem Gericht meine Unschuld beweisen.“

„Einverstanden. Fünf Jahre ohne Bewährung! Der nächste, bitte!“

 

Wann oder wieviel ist genug?

Das kann eine sehr wichtige Frage sein.

Petrus stellte sie einmal in Bezug auf ein sehr wichtiges Thema mit dem wir uns heute befassen wollen:

Wie oft muss ich jemandem vergeben, der mir Unrecht tut? Sind 7mal genug?

Stell dir vor, jemand lässt eine blöde Bemerkung fallen, die dich wirklich verletzt. Er entschuldigt sich zwar dafür, aber bei nächster Gelegenheit, passiert das gleiche wieder. Er entschuldigt sich zwar erneut, aber am nächsten Tag kommt schon wieder so eine Bemerkung, die dich ärgert. Spätestens jetzt denkst du dir, dass er sich seine Entschuldigungen sparen kann. Er meint es ja doch nicht ernst.

Insofern sind sieben solcher „Runden“, die Petrus an den Punkt bringen würde zu sagen: „Aus, ich vergebe dir nicht mehr“, sehr hoch angesetzt.

 

Menschen, die mit der Bibel vertraut sind, wissen, dass Jesus das ganz grundsätzlich anders sieht und er erzählte zu diesem Thema ein Gleichnis, das in unsere Reihe mit den Gleichnissen vom Himmelreich gehört.

 

Mt 18,21-35

21 Da fragte Petrus: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er mir Unrecht tut? Ist siebenmal denn nicht genug?“

22 „Nein“, antwortete Jesus. „Nicht nur siebenmal, sondern siebzig mal siebenmal.

23 Man kann die neue Welt Gottes mit einem König vergleichen, der mit seinen Verwaltern abrechnen wollte.

24 Zu ihnen gehörte ein Mann, der ihm einen Millionenbetrag schuldete.

25 Aber er konnte diese Schuld nicht bezahlen. Deshalb wollte der König ihn, seine Frau, seine Kinder und seinen gesamten Besitz verkaufen lassen, um wenigstens einen Teil seines Geldes zu bekommen.

26 Doch der Mann fiel vor dem König nieder und flehte ihn an: ‚Herr, hab noch etwas Geduld! Ich will ja alles bezahlen.‘

27 Da hatte der König Mitleid. Er gab ihn frei und erließ ihm seine Schulden.

28 Kaum war der Mann frei, ging er zu einem der anderen Verwalter, der ihm einen kleinen Betrag schuldete, packte ihn, würgte ihn und schrie: ‚Bezahl jetzt endlich deine Schulden!‘

29 Da fiel der andere vor ihm nieder und bettelte: ‚Hab noch etwas Geduld! Ich will ja alles bezahlen.‘

30 Aber der Verwalter wollte nicht warten und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er alles bezahlt hätte.

31 Als nun die anderen sahen, was sich da ereignet hatte, waren sie empört und berichteten es dem König.

32 Da ließ der König den Verwalter zu sich kommen und sagte: ‚Was bist du doch für ein hartherziger Mensch! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich darum gebeten hast.

33 Hättest du da nicht auch mit meinem anderen Verwalter Erbarmen haben können, so wie ich mit dir?‘

34 Zornig übergab er ihn den Folterknechten. Sie sollten ihn erst dann wieder freilassen, wenn er alle seine Schulden zurückgezahlt hätte.

35 Auf die gleiche Art wird mein Vater im Himmel euch behandeln, wenn ihr euch weigert, eurem Bruder wirklich zu vergeben.“

 

Julia:

 

  • Matthäus Evangelium ist gegliedert in
    • Kapitel 1-4: Jesu Geburt, Leben und Jüngersuche
    • 5-7: „Lifestyle“ des Königreichs, angefangen mit der Bergpredigt
    • 9-10: Die Mission des Königreichs
    • 13: Das Wachstum des Königreichs
    • 18: Die Gemeinschaft des Königreichs
    • 24-25: Die Zukunft des Königreichs

 

  • Wir konzentrieren uns auf Kapitel 18
    • Jesus spricht hier von der Gemeinschaft/ den Beziehungen in der Gemeinde, wie wir miteinander umgehen sollen und wie wir mit denen umgehen sollen, die in der Gemeinde sind, aber vom Glauben wegdriften

 

  • Werde einige Hintergrundfakten zu der Bibelstelle geben
  • Wie schon erwähnt: der erste Knecht schuldet dem König eine große Geldsumme
  • Elberfelder:000 Talente
    • Talent = größte Geldeinheit damals
    • 1 Talent = 6000 Drachme/Denare
    • 1 Talent = 150 Kilogramm
    • Meistens aus Silber, seltener aus Gold oder Kupfer
  • h. der 1. Verwalter/Knecht schuldete dem König 60 Millionen Drachme

 

  • Tageslohn eines Arbeiters betrug 1 Drachme
    • Würde der Typ 7 Tage die Woche arbeiten, 1 Drachme pro Tage bekommen, und nichts davon ausgeben, würde er 164 383 Jahre arbeiten müssen, um seine Schuld zurück zu zahlen
  • Ein unmögliches Unterfangen
    • Außer jemand anderer bezahlt oder die Schuld wird erlassen
  • Der König erlässt die Schuld, obwohl er ein Recht darauf hätte, diese von dem Knecht zu fordern

 

  • Im Vergleich: Der 2. Knecht schuldet dem 1. 100 Drachme
    • Im Vergleich ein winziger Betrag
    • Der 1. Knecht ist unbarmherzig

 

  • Auffallend ist hier, dass der 2. Mann ebenfalls ein Verwalter des Königs ist!
  • Er ist auf seinem Hof, steht unter seinem Schutz und gehört zu seinem Hofstaaat
  • Er gehört also ebenfalls zum König
  • Der König steht über dem 1. Verwalter, dieser darf sich nicht an einem Bediensteten des Königs vergreifen
  • Sinnbild für Vergeben in der Gemeinde
  • Petrus sagt ja auch: wie oft muss ich meinem Bruder vergeben?
  • Neben der Buchstäblichen Bedeutung des Begriffs wurde er auch als Bezeichnung für Personen genommen, die moralisch oder national verbunden waren

 

 

  • Es geht hier also um Vergebung in der Gemeinde
    • Natürlich lässt es sich auch weiter ausdehnen
  • Was ist Vergebung eigentlich?
  • Vergebung ist ein Akt des Willens, von Zeit, von Barmherzigkeit und von Sanftmut
    • Heißt: Ich hätte in Recht auf Vergeltung
    • dieses Recht trete ich an Gott ab
    • Ich vertraue darauf, dass er besser und gerechter richtet als ich
  • Vergebung ist nicht leicht, vor allem wenn es schwerwiegende Dinge sind
  • Gott stellt mir keine Aufgabe, die ich nicht bewältigen kann
  • Wenn ich mich weigere zu vergeben
    • Trenne ich den anderen und mich tlw. von Gott
      • Denn wenn ich mich weigere zu vergeben steht die unvergebene Sünde zwischen der anderen Person und Gott
      • Eine Sünde muss von Gott und der betreffenden Person vergeben werden
    • Ich stelle mich auf eine Schwelle mit Gott, weil ich mich als Richter aufspiele
    • Ich halte mich selbst und den anderen gefangen
    • Ich gebe die Kontrolle nicht ab -> ich vertraue Gott nicht

 

  • Vergebung ist eine bewusste Entscheidung des Herzens, so wie wahre Liebe eine bewusste Entscheidung ist
  • Obwohl ich weiß, dass ich das Recht auf Vergeltung hätte, trete ich davon zurück

 


 

 

Es ist eine traurige Tatsache, dass wir uns gegenseitig verletzen, durch das was wir sagen, oder auch nicht sagen, durch das wir tun, oder auch unterlassen, obwohl wir es hätten tun sollen usw.

In der Regel ist es oft so, dass die Verletzungen, die mir Menschen zufügen, die mir Nahe stehen oft mehr weh tun, als Verletzungen von Menschen, die ich vielleicht gar nicht kenne.

Wenn man mit jemandem befreundet ist, dann kommt eine Verletzung unerwartet und geht daher tiefer.

 

Innerhalb der Gemeinde haben wir einen sehr hohen Anspruch, was die Qualität unserer Beziehungen angeht. Liebevolle Beziehungen soll ja nicht nur ein Schlagwort sein, sondern wollen gelebt werden.

Von einem Bruder, oder einer Schwester in Jesus, also von jemandem, der diesen Gott der Liebe in seinem Herzen hat, erwarte ich mir, dass er anderen gegenüber liebevoll handelt. Aber natürlich sind wir auf der anderen Seite noch lernende und noch nicht vollkommen.

Und wenn dann diese menschlich- unvollkommene Seite herauskommt, von jemanden, bei dem ich mir etwas Anderes erwartet habe, dann tut das besonders weh.

Manche Menschen tun sich deshalb schwer, tiefe Beziehungen zu anderen aufzubauen, weil sie schon zu oft, sehr tief verletzt wurden.

 

Gott sei Dank gibt es eine Gegenstrategie, wie diese Verletzungen geheilt werde können: Vergebung. Vergebung ist, wie Julia schon richtig gesagt hat, eine Entscheidung meines Herzens, jemanden, der an mir schuldig geworden ist, aus dieser Schuld zu entlassen und das Recht auf Rache/Vergeltung an Gott abzutreten.

Vergeben heißt nicht, dass ich alles schlucken muss (Das muss ich als Christ aushalten), was mir andere antun, oder versuche die Sache herunterzuspielen. (Es war ja nicht so schlimm)

Vergeben heißt auch nicht, zu versuchen die Verfehlungen dessen, der mir das angetan hat, „entschuldigend“ zu begründen. (Er konnte halt nicht anders, das liegt an seiner Geschichte…)

Wenn ich verletzt werde, dann bin ich verletzt. ob es böse Absicht war oder vielleicht nur als Spaß gedacht war, ob der, der mich verletzt hat, nicht besser wusste, oder nicht besser konnte, macht dabei keinen Unterscheid.

Deshalb ist es notwendig, dass ich zunächst anklage, und die Dinge beim Namen nenne, die nicht in Ordnung waren. Das ist wichtig, weil sonst keine echte Vergebung stattfinden kann.

Aber in einem zweiten Schritt kann ich dann diese Anklage an Gott weiterreichen. Er ist dann meine Gerechtigkeit.

 

Wenn ich dann zu diesem zweiten Punkt komme, dann passieren mehrere wunderbare Dinge:

  • Ich entlasse den Anderen aus seiner Schuld, und schenke ihm/ihr so wieder die Freiheit.
  • Die Beziehung kann wiederhergestellt werden.
  • Auch ich selber werde befreit (wenn ich jemanden etwas nachtrage, dann bin ich derjenige der trägt) und,
  • ich werde vielleicht nicht sofort, aber langfristig ganz bestimmt, geheilt von dem Schmerz, den mir der andere zugefügt hat und sei er auch noch so groß.

Es gibt immer wieder bewegende Zeugnisse, wo Holocaust Überlebende den Nazi Schergen vergeben haben, wo Frauen ihren Vergewaltigern vergeben haben, oder Missionare den Mördern ihrer Angehörigen vergeben haben…

Das ist nicht leicht, aber es ist mit Gottes Hilfe möglich. Um wieviel mehr sollten wir denen vergeben, die uns, im Vergleich dazu, Kleinigkeiten angetan haben.

 

Nicht nur, aber ganz besonders, wenn die Menschen, die Unrecht getan haben ihre Schuld einsehen und um Vergebung bitten.

 

In diesem Gleichnis, ist es nicht schwer zu erraten, wen Jesus mit diesem König meint: Der Vater im Himmel.

Was man vielleicht nicht gleich auf den ersten Blick, aber bei genauerem Betrachten dieses Textes sieht, ist wie es um Gottes Herz in bestimmten Situationen steht.

 

Wir sehen hier ganz konkret zwei unterschiedliche Reaktionen aus Gottes Herzen.

Zorn

Als dieser Knecht, der gerade Gottes Güte, Erbarmen und Vergebungsbereitschaft erfahren hatte, so unbarmherzig mit seinem „Kollegen“ umgeht, ist der Zorn des Königs mehr als nachvollziehbar.

Eigentlich würde man erwarten, dass jemand, der eine so große Schuld erlassen bekommen hat, voll Freude aus dem Königspalast tanzen müsste und seinerseits, das was er gerade erfahren hatte, weitergibt.

Aber Menschen können sehr harte, unverbesserliche Herzen haben.

Jesus sagt am Ende dieses Gleichnisses, dass Gott alle auf die gleiche Art wie dieser König behandeln wird, wenn wir uns weigern, einander wirklich zu vergeben.

 

Gottes Zorn wird uns in der Bibel nicht verschwiegen. Ja, Gott ist Liebe, aber er ist nicht dieser „liebe Gott“, der keiner Fliege was zu Leide tun kann und der großzügig über alles hinwegsieht, was wir Menschen uns an Rebellion gegen ihn, unseren Schöpfer erlauben. Wenn wir ehrlich zu uns selber sind, dann müssen wir einsehen, dass wir alle diesen Zorn verdient haben.

 

Aber in diesem Gleichnis dürfen wir noch einen anderen Blick in das Herz Gottes werfen:

Erbarmen und Liebe

Als dieser erste Verwalter, der dem König einen Millionenbetrag schuldete zurecht verurteilt wurde, fiel er auf die Knie um bat um einen Aufschub, noch nicht einmal um einen Schuldennachlass.

V 27: Da hatte der König Mitleid. Er gab ihn frei und erließ ihm seine Schulden.

(Elb.): Der Herr jenes Knechtes aber wurde innerlich bewegt,

Dieses innerlich bewegt sein kennen wir auch als Reaktion Jesu, beispielsweise eine große Volksmenge sah, die wie eine Herde Schafe ohne Hirten sind (Mt 9,36), oder auch im Mk 1,41, als er einen Leprakranken sieht und ihn daraufhin heilt.

Wenn ein Mensch umkehrt und Gott um Vergebung bittet, dann ist der Vater im Himmel innerlich bewegt!

Selbst wenn diese Reue, so wie bei diesem ersten Knecht in dem Gleichnis nur von kurzer Dauer ist, unser Gott ist voller Mitleid und Erbarmen. Er ist bereit jedem zu vergeben, aber er wünscht sich auch, dass wir uns ein neues Herz von ihm schenken lassen. Das geschieht nicht automatisch und schon gar nicht gegen unseren Willen.

 

Wenn du dir von dieser Predigt heute nur einen Satz mitnehmen kannst, dann diesen: Wir haben einen Gott, der voll Liebe und Erbarmen ist, gegenüber allen, die ihn um Vergebung bitten, ganz egal wie hoch ihre Schulden sind.

Wir als seine Kinder tun gut daran, diesen wunderbaren Charakterzug unseres Herrn zu unserem zu machen.