Was ist eine Brillenschlange ohne Brille?

Eine Blindschleiche.

 

Ich war lange Zeit stolz darauf, gute Augen zu haben und keine Brille zu benötigen. Bis ich eines Tages im Hauskreis in meiner „Senfkorn Bibel“ lesen wollte…

Woher hat die Senfkorn Bibel ihren Namen?

 

An zwei Stellen nimmt Jesus ein Senfkorn als Vergleichsgegenstand her, um einen geistlichen Sachverhalt zu erklären.

Als erstes fällt den meisten vermutlich die Stelle in Mt 17,20 ein, wo Jesus sagte: Wenn euer Glaube nur so groß ist wie ein Senfkorn, könnt ihr zu diesem Berg sagen: ›Rücke von hier nach dort!‹, und es wird geschehen.

Ich muss gestehen, ich gehöre auch zu den Kleingläubigen, auf die sich Jesus in dieser Bibelstelle bezieht. Sonst gäbe es schon längst im Mühlviertel einen herrlichen 2000er mit verschiedensten Felsformationen. 😊

Und umgekehrt würde jedes Mal, wenn es mit dem Fahrrad steil bergauf geht (was ja im Mühlviertel „normal“ ist) plötzlich flach werden.

 

Der Vergleichspunkt bei Jesus ist die Größe des Senfkorns. Wie ihr wisst, ist es im Vergleich zu Beispielsweise einem Apfel- oder Kirschkern, oder auch einem Weizenkorn sehr klein. Die Körner des schwarzen Senfs erreichen gerade einmal einen Durchmesser von 0,8 Millimeter und ein Gewicht von einem tausendstel Gramm. Selbst Mohnkörner können größer werden. Die bei uns heute verbreiteten gelben Senfkörner sind zwar etwas größer, sie wurden damals in Israel aber nicht verwertet. Senf als Würzmittel hatte zwar bei den Römern und Griechen eine gewisse Bedeutung. In Israel aber war die Senfpflanze nur als lästiges Unkraut bekannt. Nichts wuchert so dermaßen schnell wie die Senfpflanze. Weil die Israeliten wussten, dass ein kleines Senfkorn sogar strategisch angelegte Landwirtschaftskulturen zerstören kann, war die Aussaat vom Senf sogar verboten.

 

Jesus gebrauchte trotzdem das Bild vom Senfkorn. Aber nicht nur um uns die (Nicht-) Größe unseres Glaubens vor Augen zu führen, sondern er hat noch einen anderen, interessanten Vergleichspunkt gefunden:

Das Reich Gottes.

 

Ich möchte da anschließen, wo wir vor der Sommerpause aufgehört haben: Nämlich im Markusevangelium.

Könnt ihr euch noch erinnern? „Von Selbst (automatisch) bringt die Erde ihre Frucht hervor. Auch da ging es um das Reich Gottes. Es wächst von selbst. Gott hat dieses Wachstum in die DNA des Reiches Gottes hineingelegt, genauso wie in jedes Samenkorn, das – ganz von selbst – wachsen wird, sobald es in die Erde gelegt wird und stirbt.

 

Jesus ergänzte das Gleichnis der von selbst heranwachsenden Saat mit folgendem Gleichnis: Mk 4,30-32 (NL)

30 Jesus fragte: »Wie kann ich das Reich Gottes noch beschreiben? Womit könnte ich es vergleichen?

31 Es ist wie ein winziges Senfkorn. Obwohl das Senfkorn zu den kleinsten Samenkörnern gehört, 32 wächst es doch zu einer der größten Pflanzen heran, mit langen Zweigen, in denen die Vögel Zuflucht finden.«

 

Dieser Vergleich ist auf den ersten Blick schon verstörend. Ist das Reich Gottes nicht großartig, stark, lebensverändernd, überwältigend, herausfordernd… aber klein? So klein wie ein Senfkorn?

 

Tragen wir einmal zusammen: Was ist das Reich Gottes für euch? Womit würdet ihr es beschreiben?

 

 

Wenn ich diese Liste anschaue, dann sind das lauter „große“ Dinge. Warum vergleicht Jesus dann das Reich Gottes mit dem kleinsten der damals bekannten Samen? Noch dazu mit einem „Unkrautsamen“?

Und vor allem: Was sagt er uns heute damit?

 

Ich glaube, dass das, was uns Jesus als Allererstes damit sagen will ist, dass es nicht auf die vordergründige Größe ankommt. Nicht das, was wir vor Augen haben zählt vor Gott, sondern das Potential, das Gott selber in eine Sache, eine Gemeinde, einen Menschen usw. hineingelegt hat.

 

In der 4. Schwangerschaftswoche ist ein Mensch ungefähr so groß, wie ein Senfkorn. Bereits eine Woche später, so groß wie ein Sesamkorn. In der Folge wächst ein Embryo jeden Tag um ca. 1mm. Das klingt nicht viel, aber stellt euch vor, wenn ich seit Weihnachten um einen viertel Meter größer geworden wäre. Ich hau mir so schon oft genug den Kopf an.

 

Oft weiß nicht einmal die Mutter in der 4. SSW, dass da ein neuer Mensch entsteht und für viele Mediziner ist das „nur Gewebe“. Natürlich trägt so ein Embryo noch gar nichts zu Bruttosozialprodukt unseres Landes bei. Er kann noch nichts leisten, hat noch keine ersichtlichen Begabungen, kein Diplom, noch nicht einmal eine Geburtsurkunde, aber in Gottes Augen ist dieser neue Mensch etwas ganz Besonders. Eine Person, der Gottes ganze Aufmerksamkeit und Liebe gilt. Gott sieht bereits diesen wunderbaren Mann oder diese wunderbare Frau, die aus diesem senfkorngroßen „Schwangerschaftsgewebe“ wird.

In Anlehnung an 1. Sam 16,7 möchte ich sagen: Der Mensch sieht, was vor Augen ist – ein winzig kleines Senfkorn. Aber Gott sieht nicht nur ins Herz eines Menschen, er sieht auch das Potential, das selbst aus kleinsten Dingen erwachsen können.

 

Und somit ist es unser kleiner Glaube, den Gott dazu verwendet, dass er seine Wunder tut.

Es ist unsere kleine Kraft, mit der wir alle zu kämpfen haben, die Gott verwandelt und so stark werden lässt, dass wir dem Fürsten dieser Welt entschlossen entgegentreten dürfen, ja sogar sein Haus zu berauben und die Hölle zu plündern.

Es ist unsere kleine Begabung, die Gott gebraucht um unseren Nächsten mit seiner Liebe zu begegnen.

Es sind deine vielleicht kleinen Träume, die Gott gebraucht um durch dich Geschichte zu schreiben.

Und es ist unsere kleine Gemeinde, die die Verheißung hat das ganze Mühlviertel und darüber hinaus mit dem Reich Gottes zu durchdringen.

 

 

Entscheidend ist nicht der „Ist Zustand“, sondern das, was Gott daraus machen kann und machen wird.

 

Wir haben einen wunderbaren allmächtigen Gott, der das ganze Weltall in seiner Hand hält, der aber freiwillig so klein wird, sodass er in meinem kleinen Herz Platz findet.

 

Wo haben wir dieses Senfkorn Prinzip bereits erlebt? Jede unserer Typisch Gott Geschichten spiegelt dieses Prinzip wider. Für viele Ohren mögen diese Geschichten unbedeutend und klein erscheinen. Du hast für jemanden um Heilung gebetet und das Einzige was passiert ist, dass sich diese Person gut fühlt… Hmm.

Natürlich wünschen wir uns, dass wir mehr „große“ Heilungen erleben. Dass Menschen vom Rollstuhl aufstehen, dass Krebspatienten vollständig geheilt werden, oder andere „große“ Wunder passieren.

 

Aber vor Gott zählen nicht primär die für uns messbaren Ergebnisse, sondern unser Herz. Wenn dieses Senfkornprinzip in deinem Herzen Wurzeln schlägt, wenn das Reich Gottes in dir zu wachsen beginnt, dann sind die anderen Dinge ganz selbstverständliche Begleiterscheinungen. Ich bin davon überzeugt, dass auch unser übernatürlicher Dienst immer weiterwachsen wird. Nicht weil wir so toll sind. Auch nicht, weil wir uns so sehr anstrengen, sondern weil Gott diesen Samen in uns hineingelegt hat. Es ist seine DNA, es ist sein Reich, das in uns wächst, Gestalt gewinnt und immer größer wird.

 

Das Ganze passiert „von selbst“, wie wir das letzte Mal gelesen haben, aber das bedeutet nicht, dass wir uns jetzt im Liegestuhl zurücklehnen können, Gott seine Arbeit machen lassen und wir dabei passiv zusehen. Gott könnte das zwar so machen und wäre damit vermutlich sogar erfolgreicher, aber er will dich und mich aktiv in diesen Prozess mit einbeziehen.

 

Ganz konkret bedeutet das, dass er will, dass unser Senfkornglaube wächst. Dass wir bereit sind, uns von ihm und nach seinen Vorstellungen verändern zu lassen. Und das ist so ziemlich das genaue Gegenteil von relaxt zurücklehnen und abwarten.

Wenn das Reich Gottes in uns mehr und mehr Gestalt gewinnt, heißt das auch, dass es herausfordernd, manchmal geradezu ungemütlich für uns wird.

Wachstum hat immer damit zu tun, dass ich meine Komfortzone verlasse und neue Wege bestreite, die ich noch nie gegangen bin.

Wenn ich will, dass meine Muskeln wachsen, dann muss ich sie an ihre Belastungsgrenze führen. Das ist zunächst unangenehm und fordert von mir Überwindung. Erst im Nachhinein stellt sich in der Regel ein gutes Gefühl der Zufriedenheit ein. Aber zuerst heißt es Kampf. Den inneren Schweinehund besiegen. Erst dann kommt der Sieg auf der ganzen Linie.

Egal, was ich lerne, es ist mit Scheitern verbunden. Jeder von uns ist 1000-mal hingefallen, bis er gehen konnte. Wie oft hast du den Motor abgewürgt, bis du das richtige Gefühl für die Kupplung bekommen hast?

Als ich angefangen habe Gitarre zu spielen, klang es nur schrecklich. Ich glaube, meine Eltern sind heute noch dankbar, dass ich nicht versucht habe Geige zu erlernen. Aber wie himmlisch klingt es, wenn eine Geige schön gespielt wird.

 

Bist du bereit dich auf diese ungemütliche Wachstumsphase einzulassen? Bist du bereit, aus deiner Komfortzone heraus zu treten und erlaubst du Gott, dass er das volle Potential entwickelt, das er in dich hineingelegt hat?

Darf das Senfkorn seines Reiches zu dem Strauch heranwachsen in dessen Zweige die Vögel nisten? Zu nichts Geringerem bist du bestimmt!

 

Lass uns eine Zeit nehmen, in der du Gott fragst, in welchem Bereich er für dich ganz persönlich Wachstum vorgesehen hat. Unsere Gemeinde kann nur so weit wachsen, wie wir es zulassen. Das ist eine der Begrenzungen, die unser freier Wille mit sich bringen. Nicht einmal Gott in seiner Allmacht kann – oder will diese Grenze überschreiten.

Also: Wo fordert Gott dich heraus, deine Bequemlichkeit hinter dir zu lassen und dich auf ein Abenteuer mit ihm einzulassen?

Versuche eine möglichst konkrete Antwort von Gott zu erhalten.