Angeklagter: „Glauben Sie mir, Herr Richter, ich bin unschuldig!“
Richter: „Ja, ja, das sagen alle.“
Angeklagter: „Nun, wenn es alle sagen, muss es wohl stimmen.“

Richter: „Sind Sie vorher schon einmal bestraft worden?“
Angeklagter: „Nein, Herr Richter, immer erst hinterher!“

Vor Gericht zu stehen ist fast immer eine unangenehme Situation. Andererseits bin ich froh, in einem Land zu leben, in dem es eine unabhängige Justiz gibt.
Ein Gericht hat ja die Aufgabe, Unrecht aufzuzeigen und zu Schuld sühnen, indem es den oder die Schuldige(n) bestraft. Das Wort „richten“ kommt von „etwas wieder zurecht bringen“.

Es gibt den Spruch: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Dieser Spruch ist der Umkehrschluss aus der so genannten „goldenen Regel“, die wir aus der Bergpredigt aus dem Mund Jesu kennen: Mt 7,12: Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch für sie! Das ist es, was Gesetz und Propheten fordern.

Im Bibeltext, den ich heute mit euch durchgehen möchte, konkretisiert Jesus diese goldene Regel in ganz praktischen Erläuterungen. Es fällt auf, dass es bei diesen Erläuterungen sehr viel ums richten geht.

Wir sind in unserem „Gang durchs Lukasevangelium“ mitten drin in der so genannten „Predigt auf dem Feld“
Lk 6,36-38 (NevÜ)
36 Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist!
37 Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden! Verurteilt niemand, dann werdet auch ihr nicht verurteilt! Sprecht frei, dann werdet auch ihr freigesprochen werden!
38 Gebt, und es wird euch gegeben: Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überlaufendes Maß wird man euch in den Schoß schütten. Denn das Maß, mit dem ihr bei anderen messt, wird auch für euch verwendet werden.

Es ist klar, dass Jesus mit diesem Worten sich nicht gegen die Gerichtsbarkeit eines Landes wendet. In der Bibel steht ja auch, dass „die Obrigkeit ihr Schwert zurecht trägt“ (Röm 13,4) und die Staatgewalt im Auftrag Gottes für Recht und Ordnung sorgt.
Es ist auch nicht unehrenhaft für einen Christen Richter oder Anwalt zu werden. Auch wenn Anwälte nicht den allerbesten Ruf haben.

Richter nach dem Plädoyer des Verteidigers: „Wenn ich Sie richtig verstanden habe, soll ich den Angeklagten heilig sprechen?“

Mit den Anwälten ist es genauso wie mit den Politikern: Gewisse Missstände, die es übrigens in allen Berufsgruppen gibt, sollen nicht dazu führen diesen Beruf zu meiden, sondern als Christ diesen Beruf so auszuüben, dass sich dessen Ruf verbessert. Ein Anwalt, dem es nicht um sein persönliches Prestige, oder sein Honorar geht, sondern der Menschen zu ihrem Recht verhilft ist ein Zeugnis für Gottes Reich.

Soweit mir bekannt ist, haben wir weder einen Richter, noch einen Anwalt hier, aber trotzdem bin ich überzeugt, dass Jesus auch uns heute durch diesen Text viel zu sagen hat.

In dem Text davor geht es darum, dass wir als Christen unsere Feinde lieben sollen. Wie ihr euch vielleicht noch erinnern könnt, haben wir gesehen, dass das mit der Feindesliebe zwar nicht einfach- aber mit Gottes Hilfe für uns Christen auch nicht unmöglich ist.
Deshalb sollte das mit dem einander nicht zu richten eigentlich einfach sein, oder?

Gerade hier auf dem Land ist es ja so, dass Menschen über einander Bescheid wissen. Solche Fälle, wie man es des Öfteren aus Städten hört, dass Menschen in Wohnungen sterben und die Nachbarn merken erst am Verwesungsgeruch, dass etwas nicht in Ordnung ist, gibt es am Land eher selten.
Aber dieses „über einander Bescheid wissen“, hat natürlich auch seine Schattenseite. Es ist ein guter Nährboden für Klatsch und Tratsch. Wir Menschen sind gierig nach Sensationen und wenn jemand, den man vielleicht aus der Nachbarschaft kennt etwas Böses tut, dann liefert das jede Menge Gesprächsstoff für Stammtische, Kaffeekränzchen und Mütterrunden.
Warum zerreißen wir uns so gerne das Maul über die Schlechtigkeit der Anderen?

Die Deutsche Band „Die Ärzte“ hat ein Lied darüber gesungen:
Hast du etwas getan, was sonst keiner tut?
Hast du hohe Schuhe oder gar einen Hut
Oder hast du etwa ein zu kurzes Kleid getragen
Ohne vorher deine Nachbarn um Erlaubnis zu fragen?

Jetzt wirst du natürlich mit Verachtung gestraft
Bist eine Schande für die ganze Nachbarschaft
Du weißt noch nicht einmal genau, wie sie heißen
Während sie sich über dich schon ihre Mäuler zerreißen

Lass die Leute reden und hör ihnen nicht zu
Die meisten Leute haben ja nichts Besseres zu tun
Lass die Leute reden, bei Tag und auch bei Nacht
Lass die Leute reden – das haben die immer schon gemacht

Es tut natürlich weh, wenn man erfährt, dass man der- oder diejenige ist, über die getratscht wird. Aber, mal ehrlich: Wie oft hast du in diesen Tratsch mit eingestimmt?
Jesus sagt ganz klar: …das Maß, mit dem ihr bei anderen messt, wird auch für euch verwendet werden.
Und ich glaube, das gilt nicht nur für die zukünftige Welt, wenn wir alle einmal vor Gott stehen und für alles was wir getan haben verantworten müssen, es gilt auch für dieses Leben. Der beste Weg kein Opfer des Tratschs zu werden ist selber aufzuhören, über andere schlecht zu reden.

Wenn ich über jemanden richte, dann erhebe ich mich über ihn. Manche Menschen „brauchen“ das geradezu um sich selbst besser zu fühlen. Letztendlich ist das aber immer auch ein Zeugnis von geringem Selbstwert. Wenn ich weiß wer ich bin, wenn ich meine Stellung vor Gott, als sein geliebtes Kind, und auch meine Stellung vor Menschen kenne, dann habe ich es nicht mehr nötig mich dadurch größer zu machen, als ich bin, indem ich den Anderen kleiner mache als er ist.

Jesus sagt: Wir sollen nicht richten um nicht gerichtet zu werden und nicht verurteilen um selber auch nicht verurteilt zu werden.
Gott wird einmal die gleiche Messlatte an uns anlegen, mit der wir einander messen.
Im Negativen, wie auch im Positiven.
Auch für die Vergebung oder das „einander frei sprechen“ (Freispruch) gilt das wie für das Geben ganz allgemein.
Jesus gebraucht ein sehr schönes Bild wenn es um das Geben geht:
Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überlaufendes Maß wird man euch in den Schoß schütten.

Das Geben bezieht sich nicht nur auf Geld oder sonstige Materielle Dinge. Dieses göttliche Prinzip stimmt auch für Zeit, Liebe, Zuwendung, Aufmerksamkeit, zuhören, ermutigende Worte usw.
Natürlich kann ich nicht mehr geben, als ich selber habe, aber das was wir von Gott bekommen haben, sollen wir bereitwillig mit denen teilen, die weniger haben.

Sei in allem großzügig, so wie unser Vater im Himmel großzügig ist.

Gleichnis vom verlorenen Sohn: Der Vater sagt zum älteren Sohn: Alles was mir gehört, gehört auch dir! (Lk 16,31)
Gott gehört alles. Aber Jesus wurde um unseretwillen freiwillig arm um uns dadurch reich zu machen. Er hat sich buchstäblich selber verschenkt, damit wir in den Genuss der Gotteskindschaft kommen können. Als seine Kinder sollen wir jetzt aber auch die Liebe und die Großzügigkeit Gottes wieder spiegeln.
So wie auch bei der Feindesliebe, so gilt auch hier: Mit unserer menschlichen Kraft alleine wird es kaum gelingen. Aber durch den Heiligen Geist, der in allen Kindern Gottes wohnt ist es sehr wohl möglich:
• Beim Tratsch nicht mit zu machen und positiv über nicht anwesende zu reden
• Einander zu vergeben
• Großzügig das zu teilen, was ich aus Gottes Hand empfangen habe.

Nicht nur die Empfänger deiner Gaben, auch du selber wirst davon profitieren.