Intro:

„Denn wer kann unseren Gott aufhalten?“ haben wir zuerst in der Lobpreiszeit gesungen. Und wie war in dem Lied die Antwort? Klar: „Niemand hält Ihn auf!“

Glaubst du das? Ja, ich glaub’s auch. Trotzdem will ich euch heute eine etwas provokante These unterbreiten. Nämlich: manchmal kann die Antwort auf die Frage „Wer kann unseren Gott aufhalten?“ so lauten: „Ich!“, „Du!“ oder „Wir!“ Wer kann unseren Gott aufhalten? Ich kann’s, du kannst es, wir können’s. Naja, wenn nicht direkt aufhalten dann zumindest ein paar Sandkörnderl ins Getriebe werfen.

Wie komme ich auf das?

 

Teil 1:

Aus der Bibel, natürlich!

Hast du jemals beim Bibellesen erlebt, daß du etwas liest und dir dann die Augen reiben mußt und noch einmal genauer hinschauen mußt, ob das wirklich so steht, und dann fragst du Gott „Papa, wie hast du das gemeint?“

Mir ist es neulich beim Lesen im Markusevangelium so gegangen. Am Anfang von Kap. 6 kommt Jesus in eine Stadt, wo die Leute nach dem Messias (dem versprochenen Retter) Ausschau halten, wo sie Sein Kommen erwarten, wo sie wissen, jetzt ist die Zeit, wo Er kommen muß. Und dann heißt es im Vers 5: „Und er konnte keine Wunder bei ihnen tun und er legte nur einigen Kranken die Hände auf und heilte sie.“ Grad vorher haben wir gelesen, wie Er in anderen Städten blinden Menschen die Augen auftut, tauben Menschen die Ohren aufmacht, verkrüppelte Menschen wieder „geh-ert“ macht, sogar wie Er tote Menschen wieder zum Leben erweckt, aber jetzt kommt Er in diese Stadt und es werden „nur“ ein paar Menschen mit vielleicht Kopfweh oder Rückenschmerzen oder einem Husten geheilt, was eh schön ist aber überhaupt nicht zu vergleichen mit den Wundern, die in anderen Städten gerade passieren. Was mir hier beim Lesen sofort ins Auge gestochen ist war das Wort „konnte“ – da steht es so drinnen: „er konnte keine Wunder bei ihnen tun“.

Aber Moment einmal – das ist Jesus Christus, der Sohn Gottes, der den Geist Gottes im Überfluß hat, und jetzt kommt Er in diese Stadt und kann keine Wunder tun!” Was ist da los? Es wäre natürlich viel einfacher zum Verstehen, wenn hier in der Bibel stehen würde: „er wollte keine Wunder bei ihnen tun“, denn dann würde es um Seinen Willen gehen. Aber so steht es nicht drin, sondern so, daß Er keine Wunder tun konnte. Und das muß heißen, daß Ihn irgendwas hemmt oder einschränkt. Wie kann es sein, daß Jesus Christus – der Sohn Gottes, der Messias, der Gesalbte, der den Geist Gottes im Überfluß hat – irgendwo hinkommt und sich eingeschränkt oder gar aufgehalten weiß?

 

Teil 2:

Die Frage ist wichtig. Warum? Deswegen: Wenn ich verstehe, was Ihn hier einschränkte, kann ich viel besser verstehen, was mich vielleicht gerade einschränkt. Die Antwort steckt in den zwei vorausgehenden Versen 3 und 4 – aber lesen wir zuerst den ganzen Bibelabschnitt aus Markus 6:

1 Jesus verließ diesen Teil des Landes und kehrte mit seinen Jüngern in seine Heimatstadt Nazareth zurück. 2 Am folgenden Sabbat begann er in der Synagoge zu lehren. Viele der Zuhörer waren sehr erstaunt. Sie fragten: »Wo hat er nur diese Weisheit her und die Macht, solche Wunder zu tun? 3 Er ist doch nur ein Zimmermann, der Sohn Marias und der Bruder von Jakobus, Josef, Judas und Simon. Auch seine Schwestern leben hier unter uns.« Und sie ärgerten sich über ihn. 4 Da sagte Jesus zu ihnen: »Ein Prophet wird überall verehrt, nur nicht in seiner eigenen Heimatstadt, von seinen Verwandten und von seiner eigenen Familie (buchstäblich heißt es im Griechischen: „ist nicht ohne Ehre, außer in …“).« 5 Und er konnte keine Wunder bei ihnen tun und er legte nur einigen Kranken die Hände auf und heilte sie.

Die Antwort steckt, wie gesagt, in den Versen 3 und 4, und hier reden die Leute in Nazareth untereinander im Grunde genommen so: “Hey, ist das nicht der Zimmermann, weißt eh, der Sohn von derer komischen Maria, wo niemand so recht weiß wer wirklich der Vater war? Wir kennen doch seine ganzen Brüder, und die Schwestern von ihm sind noch immer da daheim. Was soll denn das?” Und so nahmen sie Anstoß an Ihm.

Und jetzt paßt auf, was ihnen Jesus darauf sagt: „Ein Prophet ist nicht ohne Ehre, außer in seiner Heimatstadt unter seinen eigenen Verwandten“. Das griechische Wort für Ehre ist “timé”. Mein Neffe in England heißt Tim bzw. Timothy – das kommt von „Timo-theus“, was soviel heißt wie „Ehre zu Gott“. Die buchstäbliche Definition von diesem Wort „timé“ ist “Wertschätzung”; wenn du mit einem damaligen Griechen über “timé” (Ehre) gesprochen hättest, wären ihm solche Sachen in den Sinn gekommen, die wertvoll, gewichtig und kostbar sind, wie Gold. Wenn du Gold besitzt, tust du es nicht in eine Ramschlade in der Garage, du tust es auf einen besonderen Platz, einen sicheren Platz, einen Ehrenplatz. Was dein altgriechischer Gesprächspartner sonst noch unter „timé“ verstehen würde: „schätzen“, „hochhalten“, „mit Gunst betrachten“, „respektieren“. Manchmal können wir viel besser begreifen, was ein Wort heißt, wenn wir uns anschauen, was es nicht heißt: das Gegenteil von „Ehre“ ist „Unehre“, auf Griechisch “atimé”. Das bedeutet, etwas „als gewöhnlich zu behandeln”. Überleg’ einmal, was das heißt – das Gegenteil von „jemanden ehren“ ist, wenn du diese Person so behandelst, wie wenn sie gewöhnlich, nichts besonderes, „0-8-15“ wäre. „atimé“ bedeutet auch “keinen Respekt zeigen, nicht wertschätzen”. Ein paar Erklärungen aus einem griechischen Wörterbuch: Ehre („timé“) kann man in Worten, in Taten aber auch in den Gedanken zeigen, aber jede wahre Ehre hat ihren Ursprung im Herzen.

Das ist der Grund, warum Gott durch den alttestamentlichen Propheten Jesaja so spricht (Jes. 29:13): „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber mit dem Herzen sind sie weit weg von mir. Ihre Frömmigkeit beruht nur auf Vorschriften, die Menschen aufgestellt haben.“ Was Gott in diesem Vers sagt ist im Grunde genommen das: „Meine Leute tun die Handlungen von Ehre, sie sagen die Worte von Ehre, sie singen die Lieder von Ehre, aber sie haben keine wahre Ehre, denn wahre Ehre kommt aus dem Herzen und ist ein Überfließen der ehrfürchtigen Liebe für mich“.

 

Teil 3:

Also was geht hier ab? Jesus kommt in Seine Heimatstadt Nazareth, Er steht am Sabbat auf und es scheint alles seinen gewohnten Lauf zu nehmen, aber dann nimmt Er in der Synagoge die Schriftrolle (so wird’s im Lukasevangelium Kap.4 berichtet) und beginnt, eine sehr bekannte, vertraute Bibelstelle vorzulesen – aus Jesaja 61, wo der Prophet über den kommenden Messias prophezeit (zitiert in Lukas 4:18-19): 18 Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn er hat mich gesalbt, um den Armen die gute Botschaft zu verkünden. Er hat mich gesandt, Gefangenen zu verkünden, dass sie freigelassen werden, Blinden, dass sie sehen werden, Unterdrückten, dass sie befreit werden 19 und dass die Zeit der Gnade des Herrn gekommen ist…..“ Also noch nichts ungewöhnliches oder ungewohntes, bis zu dem Augenblick, wo Jesus die Schriftrolle wieder zusammenrollt und eine Bombe auf sie fallen läßt, indem Er ihnen sagt: „Heute ist dieses Wort vor euren Augen und Ohren Wirklichkeit geworden!“ – mit anderen Worten: „Der Messias bin ich!“ Bis dorthin hatten sie gebannt zugehört aber dann hat jemand die Blase platzen lassen: „Aber ist er denn nicht der Sohn Josefs?“ oder: „Ist das nicht der, der vor 20 Jahren mit unserem Hansi im Fußballteam der Synagogenschule gespielt hat?“ oder: „Ist das nicht der, der dem Onkel Sepp und der Tante Renate die Küchenkasterl und die Sitzhocker gemacht hat, wie sie damals die Küche renoviert haben?“ usw. usf.

 

Teil 4:

Diese Leute hatten alle ein Bild im Kopf, eine bestimmte Vorstellung, wie der Messias, der Retter, kommen sollte, und diese Vorstellung hatten sie aus dem Alten Testament, z.B. auch vom Propheten Jesaja (Jes. 9:5-6): „5 Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und auf seine Schulter ist die Herrschaft gekommen. Und er hat ihm seinen Namen gegeben: Wunderbarer Ratgeber, Heldengott, Vater für alle Zeit, Friedensfürst. 6 Die Herrschaft wird grösser und grösser, und der Friede ist grenzenlos auf dem Thron Davids und in seinem Königreich; er gründet es fest und stützt es durch Recht und durch Gerechtigkeit, von nun an für immer …..“ Die Leute haben also ein Bild von einem kriegerischen, militärisch siegreichen Messias, der zu ihnen kommt und die bösen Römer aus ganz Palästina wegfegt. Aber jetzt kommt Jesus als ortsbekannter Heimatbursch, als einer, dessen Familie noch dort wohnt, der dort in die Schule gegangen war – und der zu allem Überdruß einen Haufen Huren und Mafiosi im Schlepptau hat (denn die Steuereintreiber waren ja zu der Zeit so etwas wie die Mafia) – und die Leute reagieren so: „Hey, Moment mal, so nicht! Das ist überhaupt keine Art und Weise für einen kommenden Messias! So schaut das Kommen vom Messias nicht aus!“ Und weil Jesus anders kommt und anders handelt und anders ist, als sie erwarten, halten sie ihre „timé“, ihre Ehre, zurück und bringen ihm „atimé“ entgegen, d.h. sie betrachten ihn als gewöhnlich, als alltäglich, als nichts besonderes. Das Ergebnis davon?: Es werden nur ein paar wenige wehe Rücken geheilt, vielleicht auch ein paar Husten oder jemanden mit Kopfweh, aber nichts im Vergleich zu den Wundern, die Jesus in anderen Orten vollbrachte. Diese Leute bekommen also nur eine kleine Belohnung, eine Teilbelohnung, vom Himmel, alles wegen diesem einen Wort: wegen Ehre. Weil sie Jesus die Ehre vorenthalten haben, die Ihm gebührt.

 

Teil 5:

OK, ein paar hundert bornierte Dummköpfe in Nazareth vor 2000 Jahren haben ihre Chance verpatzt, den lang ersehnten Retter, den Christus, ordentlich in ihrer Stadt – in Seiner Stadt – willkommen zu heißen und Ihm die Ehre zu geben, die Ihm gebührt. Schade, aber was hat das mit uns zu tun, sagst du vielleicht.

Passen wir auf, daß wir hier nicht denselben Fehler machen, wie die eine Kindergottesdienstlehrerin, die eines Sonntags mit ihren Kindern das Gleichnis vom Pharisäer und vom Steuereintreiber aus Lukas 18 durchgemacht hat. (Kurzfassung: Der Pharisäer sieht den Steuereintreiber und dankt Gott, daß er selber nicht so ist, während der Steuereintreiber nur verzweifelt beten kann „Gott, sei mir Sünder gnädig“). Am Ende der KiGo-Stunde hat die Leiterin mit den Kindern so gebetet: „Danke lieber Herr Jesus, daß wir nicht so sind, wie dieser böse Pharisäer und nicht auf andere Menschen herabschauen….!“ Seht ihr, was ich meine? Klar, wir müssen schauen, daß wir in unserer Zeit und in unserer Welt und unserer Lebenssituation nicht denselben Fehler machen, wie die Nazareth-Leute, nur halt in anderer Form.

Wie könnte das also bei uns ausschauen? Mir sind ein paar mögliche Beispiele eingefallen:

  1. Wenn Jesus Christus nicht mit deinen Erwartungen mitmacht oder nicht an deine Erwartungen herankommt, wie Er zu handeln hat, dann machst du denselben Fehler, wie die Leute in Nazareth damals. Da gibt es nur zwei Möglichkeiten – entweder du weißt es besser als Jesus, oder Jesus weiß es besser als du! Welche von den beiden Möglichkeiten ist die wahrscheinlichere? Wie wir an den Reaktionen der Leute in Nazareth in Markus 6 und Lukas 4 gesehen haben – oft will uns Gott das senden, was wir brauchen, in einer Verpackung, die wir nicht wollen! Ja, ich weiß, es ist manchmal hart, wir verstehen nicht immer alles und haben nicht immer für alles eine einfache Antwort. Wenn das gerade bei dir so ist …… hör’ nicht auf, Ihn zu fragen, mit Ihm zu hadern, Ihn sogar anzuklagen – aber mach’ niemals den Fehler, es besser zu wissen, als Er, oder dich von Ihm abzuwenden! Wenn du hier Hilfe brauchst, komm’ bitte in ein SOZO!
  2. Zweites Beispiel: Kennst du diese Falle und fällst du vielleicht selber hier und da ‘rein?: „Das geistliche Gras ist immer grüner und saftiger in der nächsten Wiese“? Diese Fehlannahme, daß Gott alle Seine tollsten und spannendsten und „wunderbarsten“ Sachen immer woanders macht, nur nicht hier bei uns, hier wo uns alles so vertraut und „normal“ ist, ist unehrend für unser Land, für unsere Region, für unsere Gemeinde und letztlich auch für Gott. Wißt ihr noch – das griechische Wort “atimé”? „Ohne Ehre“? Was soviel bedeutet wie „etwas als gewöhnlich, als nichts besonderes, zu behandeln”? Sieht Vater Gott Österreich, das Mühlviertel, deine Familie, die Gemeinde TPL (alles Seine Schöpfung und Seinen Besitz, also) als „gewöhnlich, nichts besonderes und alltäglich“? Frag’ Ihn – was sagt Er dir dazu? ……………. Dann dürfen wir sie auch nicht so sehen.
  3. Drittes Beispiel: Die Einstellung „Kennen wir alles schon“. Wenn wir glauben, wir haben jetzt schon die volle Tiefe und Breite und Höhe der Liebe unseres Herrn Jesus Christus erfasst, dann haben wir ein Problem! Wir haben einen Herrn, der mit uns in jedem Alter etwas vorhat, der für jeden von uns eine Bestimmung hat, der in jedem von uns Wachstumspotential sieht, bis wir unseren letzten Atemzug machen. Wer sind denn wir, daß wir Ihn auf ein bequemes, bekanntes Ausmaß einschränken? Es ist nicht nur, daß wir mehr erwarten dürfen – wir sollen, wir müssen mehr erwarten!
  4. Viertes und letztes – und vielleicht wichtigstes – Beispiel: Übervertraulichkeit. Es ist möglich, Jesus sozusagen „zu gut“ zu kennen. Mit Ihm so vertraut zu sein, daß du den Blick für Ihn als Sohn Gottes verlierst. Wenn du dieses Problem hast, dann bist du biblisch gesehen in guter Gesellschaft: Nicht einmal die leiblichen Brüder von Jesus – Jakobus, Josef, Judas und Simon – glaubten an Ihn (Joh. 7:1-5), und sie waren sogar im selben Haushalt mit Ihm großgeworden! Ihr Bruder: Ja. Herr? Na bitte!

 

Schluß:

Jesus ist dein Bruder, er ist dein Freund, er ist dein Helfer, er ist dein Wegbegleiter. Stimmt alles. Das ist die Wahrheit, und daran ist nichts zu rütteln. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Jesus ist mehr. Er ist der Sohn Gottes. Er ist Christus – der Messias. Er ist dein Retter und Erlöser – wenn du Sein Angebot schon angenommen hast (wenn nicht, und wenn du das für dein Leben möchtest, dann komm bitte nachher zum Gebetsteam). Aber Jesus ist noch mehr: Er ist dein Herr und Meister. Er hat für dich alles gegeben. Was will Er von dir dafür? Leistung? Nein. Spenden? Nein. Bravsein? Nein. Nein, Er will viel mehr als bloß das – Er will dich, dein Leben, einen völligen Besitzwechsel, einen Herrschaftswechsel von dir zu Ihm. Klingt hart? Ja und nein! Ich habe erlebt, daß mein neuer Eigentümer Jesus Christus trillionenmal besser und liebevoller mit Martin Staple umgeht, als der alte Eigentümer Martin Staple es mit sich selbst tat. Er macht keine halben Sachen mit uns; mach’ doch ganze Sache mit Ihm. Gib’ Ihm die „timé“, die Ehre, und mach’ dich auf wunderbares in deinem Leben und in deinem Umfeld gefaßt.

Amen