Nach dem Gottesdienst spricht der Pfarrer eine Frau an: „Warum ist ihr Mann während der Predigt hinausgegangen?“

„Machen Sie sich nichts draus, das mit dem Schlafwandeln hat er schon lange!“

 

Wenn man auf der Straße Menschen fragt, ob sie am Sonntag zur Kirche bzw. zum Gottesdienst gehen, dann wird man, laut Statistik nur noch von jedem Zehnten Katholiken (60% der Bevölkerung) ein „Ja“ hören. Bei den Evangelischen ist der Kirchenbesuch vermutlich ähnlich „hoch“.

Wie viele von den Kirchgängern aus religiöser Überzeugung- oder auch nur aus Tradition, Einsamkeit, Angst, Pflichtgefühl… hingehen, darüber will ich gar nicht urteilen.

Fakt ist, dass der Gottesdienstbesucher in Österreich eine immer kleiner werdende Minderheit darstellt. Die Zahl der Gottesdienstbesucher hat sich in der RKK in den letzten 20 Jahren halbiert!

 

Das hat verschiedenste Gründe: Der Zuzug aus islamisch dominierten Ländern spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Für viele Österreicher hat die Kirche keine Relevanz mehr in ihrem Leben. Interessant dabei ist, dass viele Menschen sich deshalb nicht unbedingt als Atheisten verstehen. Sie glauben durchaus an einen Gott, meist ohne konkrete Vorstellung, wie dieser Gott ist, aber die meisten sagen sich, dass sie an diesen Gott auch ohne Kirche glauben können.

Ein Stück weit sehe ich diese Entwicklung als Pendelbewegung zu der bisherigen Vorstellung, dass es das Heil allein in der Kirche gab. Diese Vorstellung dominierte ja praktisch ganz Europa über viele Jahrhunderte.

 

Mit diesem Heilsmonopol war eine unendliche Machfülle verbunden. Legitimiert wurde diese Macht durch das Wort Jesu an Petrus aus Mt 16,18f: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.

19 Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.

 

Da sich die RKK darauf beruft, dass der Papst der Nachfolger Petri ist, sieht sie sich bis heute als die alleinige Vermittlerin des göttlichen Heils.

Aber, wie wir wissen, glauben das immer weniger Menschen, auch aus den Reihen der RKK. Deshalb leben viele Menschen, die, so wie die meisten Österreicher christlich sozialisiert sind, nach dem Motto: Gott ja, Kirche nein!

 

Ich kann leider nicht behaupten, dass die Freikirchen jetzt „die Antwort“ auf diese Entwicklung sind. In Freikirchen menschelt es mindestens genauso, wie in einer Volkskirche. Natürlich, bei uns sind Traditionschristen eher die Ausnahme, das liegt zum Teil an unserem Taufverständnis, zum Großteil aber einfach daran, dass es die meisten Freikirchen noch nicht so lange gibt.

Aber selbst in dieser kurzen Zeit – die ältesten Freikirchen in Österreich sind etwa 100 Jahre alt, (auch wenn unsere Wurzeln bis zur Reformation zurück reichen) – gab und gibt es nicht nur vereinzelt Fälle von geistlichem- und von Machmissbrauch. Die Zahl der Menschen, die von Freikirchlichen Gemeinden so stark verletzt worden sind, dass sie diesen Gemeinden den Rücken zugekehrt haben steigt.

Nicht nur in den Großkirchen gibt es das Motto: Gott ja, Kirche nein! Auch im Freikirchlichen Umfeld gibt es eine Bewegung, die sich mit dem Motto beschreiben lässt: Glaube an Jesus ja, Gemeinde nein!

 

Ich bin aber trotzdem überzeugt, dass Jesus nach wie vor seine Gemeinde baut, dass er den Auftrag, den er Petrus gegeben hat, nicht zurückgenommen hat und es sich anders überlegt hat.

Die Frage ist nur, wie sieht diese Gemeinde aus, die Jesus baut? Was zeichnet sie aus und welche Rolle spielen wir dabei?

 

Es gibt diese beständige Spannung zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Gemeinde, um es mit einem Begriff aus der Computerbranche zu sagen: Zwischen Hardware und Software. Zur Hardware gehört alles, was in irgendeiner Weise sichtbar ist. Das fängt mit den Räumlichkeiten an, geht über Programme und Veranstaltungen bis zu Angestellten wie Pastoren oder auch Organisationsformen wie FKÖ. Ein Computer braucht die Hardware, damit wir mit ihm arbeiten können. Es gibt gute und schlechte, brauchbare, oder veraltete Hardware, aber selbst die beste Hardware alleine hilft gar nichts, wenn keine passende Software installiert ist.

Die Software möchte ich verglichen mit dem, was eine Gemeinde wirklich ausmacht: Das Leben, Jesus selber, Liebe, lebendige Gemeinschaft mit Gott, aber auch untereinander, Jüngerschaft, Wachstum im Glauben, gute Frucht…

 

Kritiker von Gemeinde sagen: Ich kann ja all das, was eine Gemeinde ausmacht (Software) auch ohne Gebäude, Gottesdienst, Pastoren oder staatlicher Anerkennung haben.

Eine Zeitlang mag das vielleicht stimmen. Ich kann für mich alleine in der Bibel lesen, beten, ich kann auch Gemeinschaft mit andern Christen haben, ohne in eine Gemeinde zu gehen. Ich kann mir im Internet die besten Prediger der Welt und anhören und mich von den tollsten Bands in den Lobpreis mitnehmen lassen. Wozu Gemeinde?

 

Die Hardware ist ja nicht nur ein notwendiges Übel, das sich obendrein immer wieder verselbständigt und sich selbst zum „Herrn“ aufspielt. Diese Tendenzen gibt es leider immer wieder: Der Pastor, der glaubt, dass es ohne ihn nicht geht, ein Gebäude, das „die Kirche“ wird, diese, oder jene Form des Gottesdienstes die alleine als „geistlich“ gilt, die Organisation, die wie ein schwarzes Loch alle Energie aufsaugt, sodass für das wahre Leben nichts mehr übrig bleibt…

All diese Kritikpunkte sind ein Stück weit berechtigt, aber trotzdem brauchen wir diesen Sichtbaren Teil der Gemeinde, damit die Gemeinde Jesu auf Erden nicht nur ein Ideal bleibt, sondern eine gelebte und erfahrbare Realität wird.

Die Struktur muss der Gemeinde dienen, nicht umgekehrt, aber ohne Struktur kann es auch kein Leben geben.

 

Wir Menschen sind weit mehr sind als unser Körper. Dieser irdische Körper ist vergänglich, anfällig für Krankheiten und bietet viel Angriffsfläche für die Sünde. Die griechischen Philosophen kamen daher zu dem Schluss, dass der Körper nur ein Gefängnis für unseren Geist, und daher schlecht sei.

 

Dieses griechische Denken hat Europa und den ganzen Westen bis heute fest im Griff. Glaube: ja – Gemeinde: nein!

Hebräisch-biblisches Denken geht von einer Einheit von Leib, Seele und Geist aus. Auch wenn dieser Körper vergänglich und schwach ist, so gehört er auch genauso zu Gottes Schöpfung dazu, wie der immaterielle Teil von uns.

 

Gemeinde ohne die sichtbaren Teile miteinzubeziehen ist noch keine Gemeinde. Natürlich müssen wir die Form der „Hardware“ immer den Bedürfnissen der Software anpassen.

Ob eine Kirche einen Turm hat, oder nicht, ist unwichtig. Aber umgekehrt, ein Gottesdienst alleine macht auch noch keine Gemeinde! Form und Inhalt müssen zusammen passen.

 

Wenn ich an Gemeinde denke, dann sind das in erster Linie Menschen. Menschen, die Jesus nachfolgen, sich von ihm verändern lassen und die aus seiner Kraft heraus das tun, was er tun will. Sozusagen Menschen, die das Werk, das er auf Erden begonnen hat, nun in seinem Sinn und mit Hilfe seines Geistes fortsetzen.

Jesus hat zu Petrus gesagt: Ich will meine Gemeinde bauen. Er baut seine, nicht wir unsere.

 

Wie sieht diese Gemeinde, die Jesus im Mühlviertel baut aus?

 

Sie besteht aus lebendigen Steinen. Dieser Begriff ist zwar eigentlich ein Widerspruch in sich, aber ich denke, wir wissen, was damit gemeint ist. Gleichzeitig verdeutlicht dieses Bild den Gedanken von vorhin. Ein Stein ist etwas Sichtbares, konkretes, angreifbares, etwas das vor Ort ist, an dem man sich stoßen kann, mit dem man aber auch etwas Dauerhaftes bauen kann.

Wenn dieser Stein lebendig ist, dann verändert dieser Stein alleine durch sein Dasein Situationen und Beziehungen. Da kommt Heilung, Befreiung Versöhnung und Wiederherstellung. Etwas worauf ich, oder auch andere aufbauen können und so dauerhaft etwas Gutes entstehen kann.

 

Damit diese Steine – also wir lebendig bleiben, braucht es eine sich beständig erneuernde Beziehung zu dem, der uns das Leben gibt, weil er das Leben selber ist.

 

Nicht nur jeder für sich alleine, sondern auch wir alle gemeinsam sind auf diese, sich immer wieder erneuernde Beziehung angewiesen.

 

Gemeinde und Gemeinschaft sind nicht nur sprachlich eng miteinander verwandt.

Das griechische Wort „Ekklesia“ steht für „Versammlung“, wörtlich: Herausrufung (der Mündigen zum Versammlungsplatz) [http://www.kathpedia.com/index.php/Kirche]

 

Deshalb gehören Gemeindeversammlungen auch untrennbar zur Gemeinde Jesu auf Erden dazu. Wie diese Versammlungen aussehen, oder heißen, darüber kann man gerne diskutieren, aber ein Christ für sich alleine kann die, von Jesus eingesetzte Mission unmöglich erfüllen.

 

Wenn sich die Gemeinde versammelt, und in erster Linie ist das bei uns, so wie in den meisten Gemeinden, der Gottesdienst, dann verfolgen wir damit drei Ziele:

 

 

  1. Wir versammeln uns um Gott anzubeten.

 

Das geschieht hauptsächlich durch Lobpreis, aber nicht nur. (Neue Formen ausprobieren) In der Anbetung richten wir unsere Sinne, unser Denken, unser Herz und unser ganzes Sein auf Gott aus. Dabei werden wir mehr und mehr in sein Ebenbild verwandelt sagt uns die Bibel.

 

  1. Wir versammeln und um von Gott zu lernen.

 

Lehre passiert in der Predigt, aber auch im Umgang miteinander. Ein Jünger Jesu ist immer auch ein Schüler, jemand, der im Glauben wachsen und weiterkommen will.

Wir lassen uns von Gott aus unserer Komfortzone herausführen und erleben, wie Jesus uns Stück für Stück mehr anvertrauen kann.

Schließlich leben wir nicht nur für uns allein, sondern haben einen Auftrag. Um diesen Auftrag erfüllen zu können, werden wir im Godi, im HK, im Jüngerschaftskurs usw. ausgerüstet.

 

  1. Wir versammeln uns um echte Gemeinschaft zu erleben.

 

Eine Gemeinschaft entsteht automatisch, wo es eine gemeinsame Mitte gibt. Auch im Briefmarkensammelverein, oder am Arbeitsplatz kann es gute Gemeinschaft geben. Das Besondere an christlicher Gemeinschaft ist, dass unsere Mitte keine Sache ist (Fußballverein, Familie…), sondern eine Person. Jesus selber ist Mitte und gleichzeitig Teil dieser Gemeinschaft. Jeder, der echte, christliche Gemeinschaft erlebt hat, weiß, dass diese Gemeinschaft einzigartig ist. Egal ob man die Menschen schon lange kennt, oder beispielsweise im Urlaub eine andere Gemeinde besucht.

 

Etwas, das diese, sowie jede andere Gemeinschaft stärkt, ist Verbindlichkeit. In diesem Wort steckt „binden“. Wir binden uns mit einem unsichtbaren Faden an Jesus, aber auch aneinander.

Wenn wir in die Nachfolge Jesu eintreten, gehen wir einen „Bund“ mit ihm ein. Auch das Wort Bund hängt mit „binden“ zusammen.

Verbindlichkeit ist der Kleber, der eine Gemeinschaft stark macht, Unverbindlichkeit, wie sie heute leider sehr weit verbreitet ist, ist der Tod für jede Art von Gemeinschaft.

 

Ich will euch nichts vormachen: Es ist oft, aber nicht immer angenehm mit anderen verbunden zu sein. Manchmal entstehen Konflikte und Reibereien gerade dadurch, dass wir so eng miteinander verbunden sind.

Aber wisst ihr, wodurch wir besonders strak und auch schön werden? Wenn wir das aushalten, dass wir uns aneinander reiben. Wenn wir nicht bei den ersten Schwierigkeiten davonlaufen, dann können wir wachsen.

Spr 27,17: Eisen schärft Eisen, ebenso schärft ein Mensch einen anderen.

 

In einer Gemeinschaft zu leben heißt zu lernen, wie ich mit den Schwächen und Unzulänglichkeiten des Anderen leben kann, aber auch wie ich ihm dabei helfen kann, dass er beispielsweise unreifes, oder ungesundes Verhalten ändert. Und auch umgekehrt.

 

Heb 10,24 Lasst uns aufeinander achten! Wir wollen uns zu gegenseitiger Liebe ermutigen und einander anspornen, Gutes zu tun.

25 Versäumt nicht die Zusammenkünfte eurer Gemeinde, wie es sich einige angewöhnt haben. Ermahnt euch gegenseitig dabeizubleiben. Ihr seht ja, dass der Tag nahe ist, an dem der Herr kommt.

 

Wenn wir diesen Ratschlag der Bibel beherzigen, wird Jesus unter uns eine Gemeinschaft stiften, die so stark ist, dass sie attraktiv für viele ist.

Dann werden diese Menschen auch nach diesem Gott fragen, der unter uns wirkt. Dann wollen sie ihn besser kennen lernen, weil sie sehen, wie stark er uns und unser Leben macht.

Dann ist die Gemeinde ein lebendiges Licht auf einem Berg, das nicht verborgen bleiben kann, sondern Vielen zum ewigen Licht wird.

Und dann gehen Menschen auf wieder gerne in eine Versammlung, einen Gottesdienst. Aber nicht aus Pflichterfüllung, sondern weil sie hungern und dürsten nach jeder Begegnung mit dem lebendigen Gott.

 

Deshalb gibt es diese Gemeinde hier.