Die Kundin im Supermarkt: „Ein Hähnchen bitte!“

Der Metzger holt sein letztes aus der Kühltruhe.

„Macht fünf Euro neunzig.“

„Ach, hätten sie nicht ein größeres?“

Der Metzger geht nach hinten und klopft das Hähnchen breit und zieht es länger.

„Dieses kostet sieben Euro zwanzig, recht so?“

„Ja prima, ich nehme dann die beiden!“

 

 

Alles muss größer, schöner, besser, teurer, exklusiver… werden.

Wir Menschen möchten „größer“ werden. Einen besseren Job haben, ein größeres Auto fahren, im Ansehen wachsen usw.

Das ist nicht neu. Auch die Jünger Jesu stritten gelegentlich darüber, wer von ihnen der Größte sei:

 

Lk 9,46-50

46 Unter den Jüngern kam die Frage auf, wer von ihnen der Größte sei.

47 Jesus kannte ihre Gedanken. Er nahm ein Kind, stellte es neben sich 48 und sagte zu ihnen: »Wer dieses Kind in meinem Namen aufnimmt, nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Also: Wer unter euch der Allergeringste ist, der ist groß.«

49 Darauf sagte Johannes zu Jesus: »Herr, wir haben einen Mann gesehen, der hat deinen Namen dazu benutzt, böse Geister auszutreiben. Wir haben versucht, ihn daran zu hindern, weil er sich dir nicht anschließt so wie wir.«

50 »Lasst ihn doch!«, sagte Jesus. »Wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.«

 

Warum ist es für uns so wichtig „groß“ zu sein? Ich denke, die Jünger waren da nicht anders, als wir alle auch sind. Solche menschlichen Bestrebungen kennt wohl jeder von uns.

 

Grundsätzlich: Beachtet zu werden, Anerkennung zu finden, ein Bedürfnis nach Lob, all das sind an und für sich ja keine bösen Wünsche, sondern ganz normale Bedürfnisse unseres Herzens.

Wenn wir uns größer machen wollen, als wir eigentlich sind, dann erhoffen wir uns davon, dass diese Grundbedürfnisse besser gestillt werden. Wir glauben, dass bedeutende Menschen mehr Aufmerksamkeit erhalten, dass wichtige Leute eher beachtet werden und dass die Taten großer Menschen eher anerkannt werden, als die der „kleinen Leute“.

Wir fühlen uns als „kleine Menschen“ weniger wichtig. Also: bei all dem Bestreben nach Größe, geht es letztendlich um einen Schrei nach Liebe.

 

Ich mache mich größer, damit ich gesehen werde.

Ich mache mich wichtig, damit ich gehört werde.

Ich will WER sein, damit ich geliebt werde.

 

Der Haken an der Sache ist, dass ich dann etwas von meinen Mitmenschen erwarte, dass sie so meist gar nicht geben können.

Oder anders ausgedrückt: Ich schicke meinen Wunsch nach Liebe an die falsche Adresse.

 

Größe ist, wie so vieles andere im Leben auch relativ.

Wenn ich groß werden will, heißt das im Klartext: Ich will größer als andere werden. Um das zu erreichen, habe ich zwei Möglichkeiten:

  1. Ich versuche durch meine eigene Anstrengung groß zu werden.

Ich lerne so viel, dass ich der klügste bin, oder ich arbeite so hart, dass ich mehr verdiene als alle anderen, oder als Christ bemühe ich mich so viele gute Taten zu tun, damit alle anderen ehrfürchtig zu mir aufsehen.

  1. Wenn ich die Anderen kleiner mache, dann werde ich selber, relativ gesehen auch wieder größer. Beispielsweise ein Vorgesetzter, der wenig „natürliche“ Autorität, macht seine Mitarbeiter nieder, weil er um seine Position fürchtet. (Bsp.: Militär)

 

Jesus kennt die Bestrebungen der Jünger. Wörtlich heißt es in V 47: Er kannte die Überlegungen ihrer Herzen. Offensichtlich haben sie gar nicht offen, oder gar lautstark darüber gestritten, wer denn jetzt der größte sei. Es war dieses „mit den Gedanken spielen“, das Jesus durchschaute. „Wer ist der größte unter uns?“

 

Interessant ist, dass sie sicher wussten, dass sie ohnehin einem ganz besonderen Kreis angehörten. Sie waren die 12 Apostel. Die Männer, auf die Jesus seine Gemeinde bauen würde. Sie waren seinem Ruf gefolgt, hatten alles liegen und stehen gelassen um mit ihm zu gehen. Sie waren Tag und Nacht bei ihm. Sie sind bis heute Säulen des Christentums. Sie alle, außer Judas, waren große Männer Gottes.

Aber trotzdem, wollen sie wissen, wer der Größte unter ihnen ist. Sie vergleichen sich unter einander.

 

Das mit dem Vergleichen ist so eine Sache: Wenn ich gut dastehen will, finde ich bestimmt einen, der schlechter ist als ich. Aber auch umgekehrt, ich kann noch so gut sein, es wird immer jemanden geben, der besser ist. Auch ein Barak Obama, ein Bill Gates oder ein Marcel Hirscher wird mindestens einen Menschen finden, der in ihren Augen größer ist, als sie selber.

 

Wie gesagt, war es in dieser Geschichte weniger ein offenes Streiten, als mehr ein „in den Herzen bewegen“, über die Frage, wer denn der Größte unter ihnen sei. Offensichtlich waren nicht nur einer, oder zwei mit diesen Gedanken beschäftigt, alle sind plötzlich mit diesem Gedanken schwanger gegangen.

Jesus kannte das Herz der Jünger und er kennt auch dein Herz. Es ist einerseits erschreckend zu wissen, dass wir vor ihm nichts geheim halten können, aber gleichzeitig auch tröstlich, weil er uns nicht verdammt und wir immer bei ihm willkommen und sicher sind. Egal wie es in unserem Herzen aussieht. Wir können ehrlich zu ihm kommen, alle unsere Masken fallen lassen. Er liebt uns, auch wenn wir klein und schwach sind.

 

Jesus reagiert auf ganz besondere Weise auf diese Gedanken der Jünger: Er stellt ein Kind in ihre Mitte und sagt: »Wer dieses Kind in meinem Namen aufnimmt, nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Also: Wer unter euch der Allergeringste ist, der ist groß.«

Ehrlich gesagt: Auf den ersten Blick fällt es schwer, den Zusammenhang zwischen „groß sein“, und „jemanden aufnehmen“ herzustellen.

In der orientalischen- und somit auch in der biblischen Kultur hat Gastfreundschaft einen sehr hohen Stellenwert. Der Gast wird königlich bewirtet, weil es eine sehr große Ehre darstellt besucht zu werden. Je „größer und wichtiger“ der Gast, desto größer und wichtiger fühle ich mich als Gastgeber. Das ist auch ein Stückweit bei uns so.

Überlege einmal, wie du dich verhältst, wenn ein Obdachloser bei dir anklopft und dich um etwas zu essen bittet…

Und dann überlege, was du tun würdest, wenn sich beispielsweise der Bundespräsident bei dir ankündigt…

 

Jesus macht mit diesem Beispiel vom Kind wieder einmal ganz deutlich klar, dass im Reich Gottes andere Maßstäbe gelten. Dass die Kleinsten für ihn die Größten sind und dass die, die seine Liebe am wenigsten verdienen, aber mit ehrlichem Herzen zu ihm kommen, die sind, die seine Liebe am stärksten erfahren.

 

Ein Kind ist noch nicht „groß“, weder im körperlichen Sinn, noch im Übertragenen. Es kann noch nicht viel leisten, muss noch viel lernen und ist auf die Hilfe und Unterstützung seiner Eltern, oder anderer Erwachsener angewiesen. Und doch sind es die Kinder, die Jesus hier und an anderer Stelle als Vorbild, gerade für uns Glaubenden hinstellt.

Mk 10,15 Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.

 

Gott erweist sich quer durch die ganze Bibel als Beschützer und Anwalt der Benachteiligten, der Unterdrückten, der Ausgestoßenen, der Witwen und Waisen, der Ausländer (Flüchtlinge!), der Behinderten, der Randgruppen, der Schwachen und eben auch der Kinder.

Das was in unseren Augen klein ist, das ist für ihn groß. Darauf richtet er sein Augenmerk.

Wir als Jünger Jesu tun gut daran, uns seine Sichtweise für diese Welt anzugewöhnen. Dann werden auch wir groß sein, in seinem Reich. Möglicherweise wird die Welt uns dafür verspotten, für verrückt erklären oder auch bekämpfen, aber die Frage ist, von wem wir unser Lob, unsere Anerkennung, unsere Bestätigung und unsere Größe erwarten?

Letztendlich geht es um die Frage, von wem wir uns Liebe erwarten?

Wir alle brauchen diese Liebe, gar keine Frage! Von wem erwarte ich sie? Von anderen Menschen? Muss ich mich möglichst groß machen, um von der Welt gesehen und geliebt zu werden?

Oder bemühe ich mich darum, Gott zu gefallen? Lasse ich mich von seiner Liebe in meinem Denken und Tun leiten?

 

Ein letzter Gedanke:

Am Ende dieses Textes kommt der Jünger Johannes zu Wort: »Herr, wir haben einen Mann gesehen, der hat deinen Namen dazu benutzt, böse Geister auszutreiben. Wir haben versucht, ihn daran zu hindern, weil er sich dir nicht anschließt so wie wir.«

Auf den ersten Blick hat das gar nichts mit dem Vorherigen zu tun, bei genauerem Hinsehen aber sehr wohl.

Es geht Johannes um die Frage: Wer gehört dazu – und wer nicht?

Er hätte gerne einen exklusiven Kreis, zu dem er und ein paar wenige Auserwählte gehören. Ein Kreis der „Großen im Reich Gottes“. Exklusivität ist ein Privileg für besondere Menschen. Damit lassen sich gute Geschäfte machen. Dahinter steckt wieder genau die gleiche Lüge: Wenn du etwas Exklusives hast, dann wirst du geliebt!

 

Ein Jünger Jesu zu sein, ist etwas Besonderes, aber Jesus limitiert seinen Kreis nicht um denen die dabei sind das Gefühl zu vermitteln groß zu sein und den anderen eben nicht.

Die Unterscheidung zwischen Laien und Geistlichen ist genau so ein Versuch, einen elitären Kreis zu schaffen.

 

Aber Jesus tritt diesen Bestrebungen entschieden entgegen.

»Wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.«

Er wüscht sich, dass noch viel mehr Menschen in diesen besonderen, aber nicht elitären Kreis hinzukommen.

Er sehnt sich nach Menschen, die erkannt haben, worin wahre Größe besteht:

Nicht im Ansehen, nicht im Reichtum, nicht wenn ich Macht habe, nicht wenn ich Erfolg habe, sondern wenn ich weiß, wer ich bin: Ein Kind des lebendigen Gottes. Und wenn ich aus diesem Wissen heraus, andere, die sich klein fühlen, groß mache.

Dann spiegelt sich die Größe Gottes in meinem Leben wieder.