Bei einem Treffen von Vogelkundlern berichtet einer über seinen neuesten Zuchterfolg.

Er erzählt: „Mir ist es gelungen, einen Specht mit einer Brieftaube zu kreuzen!“

Die anderen Experten fragen sofort: „Und was ist dabei rausgekommen?“

„Eine Taube die anklopft, wenn sie ihre Briefe bringt!“

 

Einen persönlichen Brief (keinen Geschäftsbrief, oder Rechnung) zu bekommen ist in der Regel etwas sehr Schönes. Für die Jüngeren unter uns: Vor vielen, vielen Jahren, als es noch keine E-Mails, WhatsApp, oder SMS gab, hat man per Hand auf echtes Papier das aufgeschrieben, was man jemandem sagen wollte, musste dieses Papier dann falten und in ein Kuvert stecken, eine Briefmarke darauf kleben und zur Post bringen. Frühestens am nächsten Arbeitstag wurde der Brief dann zugestellt. Daher die Bezeichnung „Snail Mail“ (Schneckenpost) 😊

 

Als Sabine und ich jung verliebt in einander waren haben wir uns seitenlange Briefe geschrieben und waren jedes Mal ganz aufgeregt, wenn endlich wieder einer im Postkasten ankam.

 

Die Bibel kann man mit so einem Liebesbrief vergleichen, sie ist ein Liebesbrief von Gott, an uns.

Aber nicht nur bildhaft gesprochen, auch ganz praktisch finden wir vor allem im NT eine Reihe von Briefen. Die meisten davon wurden vom Apostel Paulus verfasst. Er schrieb an einzelne Personen, aber auch an ganze Gemeinden, bzw. an Gemeinden in einer bestimmten Region. An sieben verschiedene Gemeinden, oder Regionen sind Briefe von Paulus im NT zu finden. Die meisten dieser Gemeinden müssen wir uns als Netzwerk von Hausgemeinden vorstellen, die untereinander in regem Kontakt standen.

 

Das NT kann man, so wie auch das AT in drei Teile einteilen:

Geschichtsbücher

Briefe

Prophetisches Buch.

 

Nach Römer und Korintherbriefen kommen 4 kleinere, sehr praktische Briefe von Paulus an vier recht unterschiedliche Gemeinden: Gal, Eph, Phil, Kol. Eselsbrücke zum leichteren Merken der Reihenfolge: „Geh Einfach Papier Kaufen“

 

Ich möchte heute eine Predigtserie starten und in den nächsten Wochen jeweils einen dieser kleinen Briefe (4-6 Kap) mit euch durchgehen. Und zwar aus einer ganz bestimmten Perspektive.

 

Mir ist in der Vorbereitung die Frage wichtig geworden:

Was macht eine Gemeinde lebendig?

Eine Gemeinde darf ja niemals Selbstzweck werden. Wenn es nur noch darum geht, dass wir zusammenkommen, weil wir es möglichst nett und kuschelig haben wollen, hören wir auf Gemeinde Jesu zu sein! Die Gemeinde, die Jesus ins Leben gerufen hat, hat eine von Gott gegebene Bestimmung und daher eine ganz wichtige Aufgabe: Das Werk, das Jesus auf dieser Erde begonnen hat, so lange fortzuführen, bis er am Ende der Zeit, für alle sichtbar wiederkommt.

Er liebte alle Menschen bedingungslos, er heilte und er verkündete die Frohe Botschaft vom Reich Gottes. Uns genau das ist heute auch unsere Aufgabe.

 

Die Bibel spricht davon, dass wir der „Leib Christi“ sind. Wir sind also heute die Arme, die Beine, das Ohr und der Mund Christi, mit der er heute seine Liebe zu den Menschen bringt, die ihn noch nicht- oder zumindest noch nicht so kennen, wie er wirklich ist.

 

Jede Gemeinde, zu jeder Zeit stand und steht in der Gefahr, genau diese Mission aus den Augen zu verlieren. Es gibt so viele andere Dinge, die uns beschäftigen und die uns ablenken, sodass wir dann, wie es in einem Sprichwort heißt „um des Kaisers Bart streiten“, anstatt unserer Berufung nachzukommen.

 

Wie gesagt: Diese Herausforderung ist nicht neu. Der Feind Gottes tut sein Möglichstes um zu verhindern, dass eine Gemeinde in ihre Bestimmung kommt. Nicht nur heute, auch schon die Gemeinden, die von Paulus gegründet wurden, kannten diese Herausforderung.

Weil er unmöglich die von ihm gegründeten, und auch andere Gemeinden persönlich regelmäßig besuchen konnte, schrieb er Briefe um diese Gemeinde zu ermutigen, aber auch korrigierend einzugreifen.

Deshalb können diese, in der Regel sehr praktisch verfassten Briefe auch uns helfen „in der Spur“ zu bleiben und sie sind eine Ermutigung für jeden Einzelnen, aber auch für uns als Gemeinde.

 

Gerade auf die von mir vorhin aufgeworfene Frage: „Was macht eine Gemeinde lebendig?“, liefern diese Briefe sehr wertvolle, praktische Hinweise.

 

Wie gesagt: Wir finden diese „kleinen“ Briefe des Paulus im NT, gleich nach den ersten „großen“ (oder besser gesagt langen) Paulusbriefen (Röm, 2x Kor).

 

Heute: Der Galaterbrief

 

Der Galaterbrief ist vermutlich der älteste von Paulus verfasste Brief im NT. Auf seiner ersten Missionsreise gründete Paulus zusammen mit Barnabas einige Gemeinden in den Städten Ikonion, Lystra und Derbe. (Apg 14) Diese Städte lagen in der römischen Provinz „Galatien“. Diese lag in der heutigen Zentraltürkei, rund um Ankara.

 

Schon auf der Missionsreise selbst gab es immer wieder Schwierigkeiten mit den frommen Juden. Einmal wurde Paulus sogar gesteinigt (Apg 14,19), überlebte aber mit Gottes Hilfe. In jeder Stadt gab es Probleme, sodass er die Städte, in denen er missionierte und Gemeinden gründete bald wieder fluchtartig verlassen musste. Trotzdem entwickelten sich in all diesen Städten wachsende Gemeinden.

 

Bald erfuhr er aber, dass es in diesen Gemeinden zu Streitereien kam, weil einige Judenchristen darauf bestanden, dass die sogenannten „Heidenchristen“ sich auch beschneiden lassen sollten. Also dass die Menschen, die zum Glauben gekommen waren, zuerst Juden werden müssten, um dann Christen werden zu können.

Zu dieser Zeit war das Christentum ja noch keine Weltreligion, sondern galt als Jüdische Sekte.

 

Gegen diese Lehre schreibt Paulus mit all seiner Autorität als Apostel an und wählte sehr eindringliche Worten, warum dieser Punkt so wichtig war und bis heute ist.

Diese Streitfrage war auch Anlass für das „Apostelkonzil“, von dem in Apg 15 berichtet wird. Paulus kämpfte wie ein Löwe darum, dass man die Nichtjuden nicht dazu verpflichtete, das ganze jüdische Gesetz (Beschneidung, Opfergesetze, Speisegesetze, Sabbat…) zu halten.

Das Ergebnis dieses Konzils war übrigens, dass die Nichtjuden tatsächlich nicht dazu verpflichtet wurden, das jüdische Gesetz zu halten, es wurden nur drei Verhaltensregeln festgelegt, die das Miteinander der Kulturen regelten.

 

Der Galaterbrief ist übrigens auch der Einzige, den Paulus nicht mit einem Lob für die Gemeinde begann. Alle anderen Briefe beginnen, nach den üblichen Eingangsformulierungen damit, dass er sich über die jeweilige Gemeinde freut und dankbar für sie ist.

Über die Galater schreibt Paulus zu Beginn: (1,6 NL)

Ich kann es nicht fassen, dass ihr euch so schnell von Gott abwendet, …

Und er führt dann in seinem Brief aus, worin der Unterschied zwischen dem jüdischen Gesetz und der Gnade Gottes, die uns durch Jesus geschenkt wurde, besteht.

 

Wir stehen heute zwar nicht mehr in der Gefahr, vom jüdischen Gesetz versklavt zu werden, so wie das Paulus schreibt, aber die Denkmuster, die damals dieser falschen Lehre zugrunde lagen, sind bis heute aktuell.

Deshalb möchte ich jetzt etwas näher darauf eingehen.

 

Auch das Christentum ist letztendlich eine Religion. Bei Religionen geht es immer um die Frage: Was muss ich als Menschen tun, um „gut“ zu sein? Dieses „Gut sein“ wird je nach Religion zwar teils unterschiedlich definiert, aber es geht immer darum, dass ich etwas tun, oder lassen muss, damit die jeweilige Gottheit mit mir zufrieden ist. Das wird im Christentum landläufig auch so gesehen und die Kirchen, ganz egal welcher Prägung versuchen ihre Mitglieder dazu zu bringen, so zu leben, wie es ihrer Meinung nach „richtig“ ist. Viele dieser Bemühungen sind gut und richtig und tragen in jedem Fall dazu bei, dass das Miteinander gelingt.

 

Im Judentum war der Weg der, sich an das Mosaische Gesetz zu halten. (2. bis 5. Mose) Darin enthalten sind die Zehn Gebote, aber auch eine ganze Reihe weiterer Vorschriften, von denen sehr viele hilfreich für das Zusammenleben waren, manche aber ganz eigenartige Entwicklungen nahmen.

 

Auch in den Freikirchen heute gibt es manche, vielleicht sogar ungeschriebene Gesetze, die man als braver Christ befolgt.

Wie gesagt, es ist keineswegs falsch, sich an Regeln zu halten, die Frage ist aber, welche Motivation dahintersteht! Rauche ich deshalb nicht, weil man es als Christ nicht tut, oder deshalb, weil ich diesen Tempel des Heiligen Geistes (meinen Körper) so sehr liebe, dass ich gar nicht auf die Idee komme, ihm schaden zu wollen?

Schau ich deshalb nicht lüstern anderen Frauen nach, weil ich Angst habe, als schlechter Christ gesehen zu werden, oder habe ich den Wert meiner Ehe erkannt, als einen Bund, den Gott gestiftet hat?

Besuche ich den Gottesdienst, den HK und andere Gemeindeveranstaltungen aus Pflichtgefühl, (oder weil ich Mitleid mit dem Pastor habe), oder will ich mir die Chance nicht entgehen lassen im Glauben zu wachsen?

Diese Fragerunde könnten wir mit allen unseren Beweggründen fortsetzen.

 

Die Galater wollten das Gute, aber sie wollten aus eigener Kraft das zu Ende bringen, das Gott in ihnen angefangen hatte. (3,3)

 

Der Weg, den Jesus für uns angelegt hat, heißt eben nicht: Du musst dich mehr anstrengen, damit du in Gottes Augen „gut“ bist. Du musst mehr tun, damit Gott dich annimmt und dich lieben kann.

Du musst mehr Geld hergeben, mehr Dienste in der Gemeinde übernehmen, mehr evangelisieren, oder mehr Bibel lesen.

Nein! Der Weg Jesu ist ein anderer!

Er hat gesagt, als er am Kreuz für uns starb: Es ist vollbracht! Es ist genug (alles) getan! Ich hab es für dich getan, sagt Jesus!

 

Jesus ist nicht nur für unsere Sünde und Schuld am Kreuz gestorben, er hat dabei nicht nur unsere Krankheit auf sich genommen, er hat auch unsere Unfähigkeit selber „gut genug“ zu sein auf sich genommen. Er ist gut genug, in dem Sinn, dass es genügt, was er getan hat.

 

Deshalb ist Jesus unsere einzige Chance, wenn wir selber „gut“ sein wollen. Paulus bringt es in Gal 2,20 auf den Punkt:

Darum lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir! Mein vergängliches Leben auf dieser Erde lebe ich im Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der mich geliebt und sein Leben für mich gegeben hat.

 

Wenn wir versuchen aus uns selber heraus so zu leben, wie Gott es will, wenn wir versuchen mit unserem alten System „gut“ zu sein, werden wir scheitern. Durch Disziplin und Anstrengung kann man zwar weit kommen, aber letztendlich wird es immer heißen „nicht gut genug“!

 

Der neue Weg, den Jesus uns anbietet heißt: Der alte Mensch muss sterben. Mit Jesus am Kreuz. Erst dann bin ich frei für ein neues Leben mit Jesus.

Diese Freiheit bedeutet nicht, dass ich jetzt tun und lassen kann was ich will, sondern ich bin frei das zu tun, was Gott will!

 

In diesem neuen Leben spielt der HG, den wir als Kinder Gottes ja erhalten haben, eine große Rolle. Er ist der, der in mir dieses neue Leben mit Jesus bewirkt. Er ist der der mich befähigt, Gottes Stimme zu hören und die Bereitschaft schenkt, dieser Stimme zu gehorchen.

Das neue Leben ist nicht mehr geprägt von der Anstrengung es selber richtig zu machen, sondern vom Gehorsam, das zu tun, was der HG mir zeigt. Das Einzige, worauf ich also achten muss, ist dass diese Verbindung zum Vater nicht abreißt. Dass ich im geistlichen Sinn stets „online“ bleibe.

 

Und natürlich brauche ich die Bereitschaft, das zu tun, was er mir sagt. Das hat mit Mut, mit Demut, aber auch mit ganz viel Abenteuer und Freude zu tun. Ein Leben in der Nachfolge ist alles andere als langweilig. Weil wir einen spannenden, herausfordernden aber in erster Linie liebenden Vater im Himmel haben.

 

Wenn wir sagen, dass er unser Vater im Himmel ist, dann folgt logischerweise daraus, dass wir seine Kinder sind. Es ist wichtig, das zu „wissen“. Nicht nur im Kopf, sondern im Herzen.

Am Anfang von Kap 4 (1-7) geht Paulus auf das Wesen der Kindschaft ein.

Gal 4,7: Ihr seid also nicht länger Gefangene des Gesetzes, sondern Söhne und Töchter Gottes. Und als Kinder Gottes seid ihr auch seine Erben, euch gehört alles, was Gott versprochen hat.

 

Wenn ich in einer Firma arbeite, darf ich dort alle Maschinen benutzen, aber nur um die Aufträge des Chefs auszuführen. Nach Feierabend, wenn ich die Firma verlasse gehört mir nichts, ich brauch mich aber auch nicht um die Dinge in der Firma kümmern.

Wenn ich aber Sohn bin, dann mache ich nicht einfach Feierabend, und lasse alles hinter mir. Wie schon der Vater im Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“ zu seinem älteren Sohn sagte: Alles, was ich habe, gehört auch dir. (Lk 15,31)

Gott hat uns nicht als seine Mitarbeiter eingestellt, er hat uns als seine Kinder angenommen. Wir gehören zu seiner Familie! Welch ein riesiges Privileg.

 

Als seine Kinder sind wir von ihm geliebt, egal ob wir uns gerade so verhalten, wie es einem Königskind entspricht, oder nicht.

Aber natürlich erzieht der Vater seine Kinder auch.

Ich habe meine Kinder immer geliebt, aber das hieß nicht, dass sie immer alles tun durften, was ihnen in den Sinn kam. Natürlich haben wir sie erzogen und ihnen auch Grenzen gesetzt. Aber wir haben das nicht getan, weil wir sie klein halten, oder gar unterdrücken wollten. Wenn wir sie disziplinierten, dann deshalb, weil wir sie als Eltern lieben und ihr Wohlergehen im Auge hatten, nicht weil wir sie so gerne strafen wollten.

 

So ist es auch die Aufgabe des HG uns als Kind Gottes zu formen und zu erziehen. Die Frucht des Geistes, die Paulus ja ebenfalls im Galaterbrief (5,22f) genau beschreibt zeigt uns, wohin die Reise geht: Liebe, Freude und Frieden, Geduld, Freundlichkeit und Güte, Treue,

Bescheidenheit und Selbstbeherrschung. So wie dort beschrieben, sieht ein „fertiges“ Kind Gottes aus. So werden wir sein, wenn wir am Ziel unserer Reise hier auf der Erde sind. Aber all diese Frucht müssen wir nicht aus uns selber heraus produzieren, sie wächst ganz von selbst dadurch, dass wir, wie es Jesus einmal gesagt hat, als Reben an ihm, der der Weinstock ist, angedockt bleiben. (Joh 15,5)

 

Diese einfache Wahrheit haben die Galater aus den Augen verloren, und durch dieses alte religiöse Streben, das in jedem Menschen fest versankert ist ersetzt. Deshalb schrieb Paulus diesen sehr eindringlichen Brief an sie. Wir haben aber keinen Grund auf die Christen vor 2000 Jahren in Galatien herab zu schauen. Auch wir sind ständig in der Herausforderung in dieser einfachen Wahrheit, in Jesus selber zu bleiben. Auch wir geraten immer wieder in die Falle, aus eigener Kraft das tun zu wollen, was Jesus für uns schon am Kreuz getan hat.

 

Aber Gott sei Dank hat uns der Vater uns den HG gegeben und so können mit Paulus sagen: Gal 5,25:

Durch Gottes Geist haben wir neues Leben, darum wollen wir uns jetzt ganz von ihm bestimmen lassen!