Der kleine Anton hat ein Papier vor sich und kritzelt darauf herum. Da fragt ihn seine Mutter:

„Na, Anton, was tust du denn da?“

„Ich schreibe einen Brief an Monika!“

„Aber Anton, du kannst doch noch gar nicht schreiben.“

„Macht nichts, Monika kann ja auch noch nicht lesen.“

 

Letzte Woche habe ich mit einer Predigtserie begonnen über die „kleinen“ Briefe des Apostels Paulus an verschiedene Gemeinden. Als erstes haben wir uns mit dem Galaterbrief befasst, in dem es um den Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium geht. Oder anders ausgedrückt, um die Frage: Wie kann ich „gut“ sein, ohne dabei in ein Leistungsdenken zu verfallen.

Wir haben dabei gesehen, dass Jesus gut genug ist und dass es nicht darum geht, aus eigener Anstrengung Anerkennung bei Gott zu finden, sondern der HG in uns bewirkt, dass wir immer mehr Jesus ähnlicher werden, weil wir als Kinder Gottes von ihm geprägt werden. Nicht Leistung, sondern Gehorsam ist der Schlüssel dazu.

 

Heute möchten wir uns mit dem nächsten Brief in dieser Reihe befassen: dem Epheserbrief.

 

Ephesus war eine bedeutende Hafenstadt an der Westküste der heutigen Türkei.

Paulus war mindestens zweimal dort, während seiner dritten Missionsreise blieb er über zwei Jahre in dieser Stadt. Fast das ganze Kap 19 in der Apg berichtet von dieser Zeit. Dort wird auch berichtet: Gott ließ durch Paulus ganz erstaunliche Wunder geschehen.

Die Leute legten sogar Tücher, mit denen Paulus sich den Schweiß abgewischt hatte, und Kleidungsstücke von ihm auf die Kranken. Dadurch wurden sie gesund, und die Dämonen verließen sie. (Apg 19, 11-12)

 

Paulus schrieb im 1.Kor 2,4: „Was ich euch sagte und predigte, geschah nicht mit ausgeklügelter Überredungskunst; durch mich sprach Gottes Geist und wirkte seine Kraft“ Das waren das keine leeren Worthülsen.

 

Eph 3,7 „Mein ganzes Leben steht im Dienst dieser Botschaft, sie will ich weitersagen, weil Gott mir in seiner großen Gnade den Auftrag dazu gegeben und seine Macht an mir erwiesen hat.“

 

In den 80er Jahren hat man dazu „Power Evangelism“ gesagt.

Es geht aber jetzt nicht um irgendwelche Schlagworte. Was mir aber wichtig ist, dass wir damit rechnen, dass Gott solche Dinge auch heute bei uns tun kann. Und vor allem, dass er ganz normale Menschen wie dich und mich dazu verwendet, um sein Werk in dieser Welt zu tun.

Jesus ist derselbe: gestern heute und in Ewigkeit (Heb 13,8) Er tut sein Werk zwar nicht immer auf die gleiche Weise. Er ist sehr kreativ. Aber seine Kraft und Macht sind nicht kleiner geworden.

 

Einige Jahre nachdem Paulus in Ephesus war, hatte übrigens nach altkirchlicher Überlieferung auch der Apostel Johannes seinen Hauptsitz dort. Am Ende seines Lebens wurde er dann auf die Insel Patmos verbannt und hat dort die Offenbarung verfasst. Das erste der sieben Sendschreiben, von der wir in der Offenbarung lesen können, erging ja an die Gemeinde in Ephesus.

 

Wie aber schon letzte Woche angekündigt, geht es mir bei dieser Predigtreihe weniger um Vermittlung von Wissen und Hintergrundinformationen über die einzelnen paulinischen Briefe, sondern ich möchte anhand dieser Briefe einer ganz bestimmten Frage nachgehen: Was macht eine Gemeinde lebendig?

 

Im Unterschied zum Galaterbrief, scheint es in der Gemeinde in Ephesus keine gröberen theologischen oder moralischen Probleme gegen zu haben. Wenn man den Brief so in einem Stück durchliest, dann fällt auf, dass Paulus keine konkreten Fragen oder Schwierigkeiten anspricht, sondern sehr viele, ganz praktische Hinweise gibt, wie das Leben in der Nachfolge Christi gelingen kann.

Man gewinnt den Eindruck, dass die Christen in Ephesus sehr reif und geistlich gesund waren und Paulus sie deshalb einfach nur mit ganz konkreten Ratschlägen ermutigen wollte, auf dem eingeschlagenen Weg zu bleiben.

 

Vor allem aber malt er der Gemeinde ganz klar vor Augen, was ihre Aufgabe ist: Nämlich ist sie dazu berufen, den göttlichen Heilsplan in dieser Welt zu verwirklichen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der Adressat „in Ephesus“ in den ältesten Handschriften fehlt. Dort seht nur ganz allgemein: „an die Gläubigen“ (wörtlich „Heiligen“).

Vermutlich war dieser Brief von Paulus als Rundbrief gedacht, der in mehreren Gemeinden gelesen werden sollte. Das wiederum unterstreicht, dass das Thema dieses Briefes: „Die Aufgabe der Gemeinde“, für uns heute immer noch absolut relevant ist.

 

Was also macht eine Gemeinde lebendig? Das Wissen, um ihre Bestimmung und Aufgabe.

Und was ist ihre Aufgabe? Das auszuführen, was Gott in dieser Welt tun möchte.

Was möchte Gott in dieser Welt tun? Wie genau sieht der Heilsplan Gottes für diese Welt aus? Genau darum geht es im Epheserbrief.

 

Deshalb beginnt der Brief mit sehr gewichtigen, fast staatstragenden Worten: Eph 1,3-10

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus! Er hat uns mit seinem Geist reich beschenkt und uns durch Christus Zugang zu seiner himmlischen Welt gewährt.

Schon vor Beginn der Welt, von allem Anfang an, hat Gott uns, die wir mit Christus verbunden sind, auserwählt. Er wollte, dass wir zu ihm gehören und in seiner Gegenwart leben, und zwar befreit von aller Sünde und Schuld. Aus Liebe zu uns hat er schon damals beschlossen, dass wir durch Jesus Christus seine eigenen Kinder werden sollten. Dies war sein Plan, und so gefiel es ihm.

Mit all dem sollte Gottes herrliche, unverdiente Güte gepriesen werden, die wir durch seinen geliebten Sohn erfahren haben.

Durch Christus, der sein Blut am Kreuz vergossen hat, sind wir erlöst, sind unsere Sünden vergeben. Und das verdanken wir allein Gottes unermesslich großer Gnade. Ja, in seiner Liebe hat er uns überreich beschenkt: Er hat uns mit Weisheit erfüllt und uns seinen Willen erkennen lassen.

Sein Plan für diese Welt war bis dahin verborgen, doch nun hat er ihn uns gezeigt. Durch Christus verwirklicht er ihn genau so, wie er es sich vorgenommen hat.

So soll, wenn die Zeit dafür gekommen ist, alles im Himmel und auf der Erde unter der Herrschaft von Christus vereint werden.

 

Also das Zentrum und das Ziel der Geschichte ist Christus. Es läuft alles darauf hinaus, dass er am Ende der Zeit Herr über alles ist, über alles in den Himmeln (Plural! Alle geistlichen Mächte) und auf der Erde. Er wird nicht nur herrschen, er wird auch alles unter sich vereinen. Diese Einheit wird nicht auf Grund von äußerlichem Druck herbeigeführt, sondern sie entsteht automatisch dadurch, dass alle eine gemeinsame Mitte haben: Nämlich Christus.

 

Bis das aber soweit ist, hat Gott die Gemeinde, quasi als Prototyp für diese künftige Welt in dieser gegenwärtigen Welt installiert. Anhand der Gemeinde soll die Welt sehen, wie das Reich Gottes aussieht, wie es sich anfühlt, welche Werte darin gelten und vor allem welche Zukunft es hat. Die Gemeinde ist die Hoffnung für eine verlorene Welt. Ich wage zu behaupten, dass sie die einzige wirkliche, dauerhafte Hoffnung in dieser Welt ist.

 

So wie schon Jesus zu seinen Jüngern gesagt hat: An eurer Liebe zueinander wird jeder erkennen, dass ihr meine Jünger seid (Joh 13,35), so könnte man analog dazu sagen: An der Einheit, die wir als Gemeinde leben, wird jeder erkennen, wie Gottes Erlösungsplan für diese Welt aussieht.

Wow, das ist eine große und verantwortungsvolle Berufung für uns. Und ja, es ist nicht nur, die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, es ist vor allem die Einheit, die unter uns sichtbar wird, die der Welt vor Augen führt, dass bei uns ein anderer Geist weht, als sonst in der Welt.

Die Gemeinde ist sozusagen ein Prototyp für echte Einheit.

 

Echte Einheit geschieht ja nicht dadurch, dass wir alle gleich aussehen, das gleiche denken, oder alle in einem Verein sind, sondern dadurch, dass wir eine gemeinsame Mitte haben.

Zur Zeit des NT gab es einen riesigen Graben, zwischen den Juden und den anderen Völkern. Fromme Juden verweigerten so gut es ging jeden Kontakt zu den „Heiden“, aus Angst, sich zu verunreinigen. Sich mit einem Nichtjuden gemeinsam an einen Tisch zu setzen, war für strenggläubige Juden nicht denkbar.

Sogar Jesus wies eine kanaanäische Frau zunächst recht barsch zurück, als sie ihn um die Heilung für ihre Tochter bat. (Mt 15)

Als Petrus vom HG den Auftrag bekam, in das Haus eines römischen Hauptmanns zu gehen, um dort das Evangelium zu verkündigen, musste Gott sehr deutlich zu Petrus, der ja auch Jude war, reden, damit er dann auch tatsächlich zu diesem Hauptmann hinging. (Apg 10)

 

Im 2. Kap im Epheserbrief beschreibt Paulus recht ausführlich, dass diese Trennung nun vorbei ist.

V14f: Durch Christus haben wir Frieden. Er hat Juden und Nichtjuden in seiner Gemeinde vereint, die Mauer zwischen ihnen niedergerissen und ihre Feindschaft beendet. Durch sein Sterben hat er das jüdische Gesetz mit seinen zahlreichen Geboten und Forderungen außer Kraft gesetzt. Durch Christus leben wir nicht länger voneinander getrennt, der eine als Jude, der andere als Nichtjude. Als Christen sind wir eins. So hat er zwischen uns Frieden gestiftet.

Eine Revolution. In seiner Gemeinde können Juden und Araber, Iraner und Amerikaner, Russen und Ukrainer, ja sogar Deutsche und Österreicher 😊 gemeinsam Gott anbeten.

Bei Foursquare Europa haben wir die Region „Balkan Nord“ in der Pastoren und Gemeinden aus den ehemals verfeindeten Staaten: Bosnien, Kroatien und Serbien in Liebe und Einheit zusammenarbeiten.

 

Aber auch in unserer Gemeinde haben wir alle es immer als eine Bereicherung empfunden, wenn beispielsweise Asylwerber in die Gemeindeversammlungen kamen. Auch darin zeigt sich der Geist der Einheit, der unter uns aktiv ist.

 

Echte Einheit passiert aber auch gerade unter den verschiedenen christlichen Konfessionen in Österreich. Kardinal Christoph Schönborn hat im Rahmen der 150-Jahr Feier der Baptisten in Österreich, die Freikirchen öffentlich um Vergebung gebeten für die Verfolgung der Täufer durch die Katholische Kirche. Diese persönliche und ehrliche Bitte des Kardinals wurde im Rat der Freikirchen aufgenommen und einstimmig beschlossen, dieser Bitte zu begegnen. Es wurde weiters auch ein offizielles Antwortschreiben verfasst, in der die Freikirchen ihrerseits um Vergebung für ihr teilweise arrogantes Verhalten den Volkskirchen gegenüber baten.

Dieser Brief wurde vom derzeitigen Vorsitzenden des Rates der Freikirchen, Reinhard Kummer, während des jährlichen Empfangs der christlichen Kirchen beim Kardinal, verlesen.

Die etwa 150 – 200 anwesenden Kirchen- und Diakonievorstände waren tief bewegt von dieser versöhnenden Geste.

Hier: https://downloads.fcgoe.at/infomail/2020-02-07/Brief_Schoenborn.pdf führt ein Link zu diesem Brief

 

Einheit heißt aber eben nicht Gleichmacherei und dass jetzt alle unter ein Kirchendach schlüpfen müssen. So wie es in Israel 12 recht unterschiedliche Stämme mit teils recht unterschiedlichen Gaben und Aufgaben gab, so darf es auch unterschiedliche christliche Konfessionen geben. Kardinal Schönborn hat diese Konfessionen mit Speichen eines Rades verglichen. Ich möchte dieses Bild gerne aufgreifen. Die Nabe in der Mitte ist Jesus. Der Reifen außen stellt die Welt dar. Unsere Aufgabe ist es die Verbindung zwischen Christus und der Welt herzustellen. Dazu braucht es alle Speichen, die in recht unterschiedliche Richtungen stehen. Aber erst wenn alle Speichen am richtigen Platz sind, wird das Rad rund laufen.

 

Unsere Aufgabe als Gemeinde ist es fest in der Mitte, in Jesus selber, verankert zu sein und gleichzeitig das, was wir dort von ihm erhalten, seine Liebe, an die Welt weiterzugeben. Wo immer wir diesem Auftrag nicht nachkommen, wird die ganze Sache „unrund“. Wir brauchen uns nicht darauf fokussieren, was bei den anderen Speichen alles schlecht läuft, wir brauchen auch nicht neidisch auf das zu schauen, was dort vielleicht besser ist, als bei uns. Wir sind einzig und allein für unsere Speiche verantwortlich.

 

Die Einheit ist aber nicht nur zwischen den Kirchen und Gemeinden wichtig, auch innerhalb einer Gemeinde darf es keine Spaltungen geben, sonst sind wir als Speiche unbrauchbar.

Das 4. Kap im Epheserbrief verwendet Paulus dazu, auf diese Einheit innerhalb der Gemeinde einzugehen. Er schreibt: V3-6

Setzt alles daran, dass die Einheit, wie sie der Geist Gottes schenkt, bestehen bleibt. Sein Friede verbindet euch miteinander.

Gott hat uns in seine Gemeinde berufen. Darum sind wir ein Leib, und es ist ein Geist, der in uns wirkt. Uns erfüllt ein und dieselbe Hoffnung.

Wir haben einen Herrn, einen Glauben und eine Taufe. Und wir haben einen Gott. Er ist unser Vater, der über allen steht, der durch alle und in allen wirkt.

Nochmals: Wir erreichen unsere Einheit nicht dadurch, dass wir alle gleich machen wollen, sondern dadurch, dass wir trotz unserer Unterschiede eine gemeinsame Mitte haben.

Unsere Unterschiedlichkeit ist zum Beispiel durch unsere unterschiedlichen Gaben gegeben. In den nächsten Versen beschreibt Paulus den sogenannten „Fünffachen Dienst“: Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer. Das sind alles Leitungsgaben. Ihre Aufgabe ist es aber nicht, die ganze Arbeit anstelle der anderen Gemeindemitglieder zu tun, sondern, wie es in V 12f heißt:

Ihre Aufgabe ist es, die Gläubigen für ihren Dienst vorzubereiten und die Gemeinde – den Leib Christi – zu stärken.

Auf diese Weise sollen wir alle im Glauben eins werden und den Sohn Gottes immer besser kennenlernen, sodass unser Glaube zur vollen Reife gelangt und wir ganz von Christus erfüllt sind.

 

Nicht jeder Christ ist ein Evangelist, nicht jeder ist ein Hirte usw. Aber jeder Gläubige wird von der Leitung dazu ausgebildet, ermächtigt und unterstützt, dass er seinen Dienst in der Welt tun kann.

Das ist das, was uns als Gemeinde lebendig und auch gesellschaftlich relevant macht. So soll unsere Gemeinde sein. Mit weniger wollen wir uns nicht zufriedengeben.

 

Der Feind Gottes versucht permanent, dieses Rad zu stoppen. Er greift dabei immer die Speichen an. Wenn es ihm gelingt, einen Prügel zwischen die Speichen zu stecken, dann bleibt das Rad stehen. In der Regel werden auch die Speichen selber dadurch beschädigt.

 

Aber wir sind dem Feind nicht schutzlos ausgeliefert. Am Ende des Epheserbriefes beschreibt Paulus die berühmte Waffenrüstung Gottes. (Eph 6,10-20)

Mit dieser Waffenrüstung können und sollen wir die listigen Angriffe des Feindes abwehren. Auch das ist wichtig für uns als lebendige Gemeinde, dass jedes der Gemeindemitglieder gelernt hat, mit dieser Waffenrüstung umzugehen.

 

Was macht also eine Gemeinde lebendig? Das Leben in unserer Berufung!

Was ist unsere Berufung? In Einheit Gottes Heilsplan für diese Welt vorleben. Dann wird Jesus selber in uns sichtbar.