Jahreslosung 2021 Barmherzigkeit

 

Lk 6,36: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

 

 

Das Luxustraumschiff passiert eine kleine abgelegene Insel bei seiner Fahrt durch den Indischen Ozean. Eine heruntergekommene Gestalt in zerfetzten Lumpen fuchtelt wild mit den Armen, springt wie verrückt am Strand hin und her und versucht offensichtlich, mit allen Mitteln auf sich aufmerksam zu machen.

„Was hat der denn?“ fragt ein Passagier den Kapitän.

„Ach der – der freut sich immer so, wenn wir hier vorbeikommen …“

 

 

Wenn wir an einen „Heruntergekommenen“ denken, dann kommt uns meist ein Alkoholiker, ein Obdachloser oder eben ein Schiffbrüchiger in den Sinn.

Aber ist nicht auch unser Gott ein „Heruntergekommener“? Hat er sich nicht selbst erniedrigt und ist Mensch geworden? Das haben wir ja gerade jetzt zu Weihnachten gefeiert!

 

Über Jesus schreibt Paulus in Phil 2, 6-8:

Obwohl er Gott war, bestand er nicht auf seinen göttlichen Rechten.

Er verzichtete auf alles; er nahm die niedrige Stellung eines Dieners an und wurde als Mensch geboren und als solcher erkannt.

Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tod, indem er wie ein Verbrecher am Kreuz starb.

 

Warum macht Gott so etwas?

Das hat etwas mit einem Wesenszug Gottes zu tun. Also nicht einer Eigenschaft, die er so ganz nebenbei auch hat, sondern die ihn zutiefst beschreibt. Man könnte sagen, eine Eigenschaft, die ihn ausmacht.

Und dieser Wesenszug Gottes ist nebst seiner Größe, Liebe und Güte seine Barmherzigkeit.

 

Ich möchte mit euch heute die „Jahreslosung“ für 2021 genauer betrachten. Wir finden sie in Lk 6,36. Dort sagt Jesus zu uns:

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

 

Barmherzigkeit ist ein Wort, das heute außerhalb eines religiösen Kontextes eher selten verwendet wird. Und deshalb geht es zumindest mir so, dass es mir schwer fällt, genau nachzuspüren, was mit diesem Wort- und des Weiteren mit dieser Eigenschaft alles gemeint ist.

 

Über die Wortherkunft des deutschen Adjektivs „barmherzig“ gibt es zwei Thesen:

Es leitet sich entweder vom althochdeutschen „armherzi“ ab, also jemand, der ein Herz für die Armen hat.

Oder der erste Teil leitet sich vom ebenfalls althochdeutschen Wort „Barm“ ab, das wir noch als Teil des Wortes „Erbarmen“ kennen. Dieses „Barm“ bezeichnete ursprünglich den Schoß, oder den Busen (der Mutter). Dieses „Barm“ löst daher Assoziationen mit „tragen, halten, erhalten, hegen, pflegen, ernähren“ aus.

 

Wie auch immer: Barmherzigkeit ist eine bewusste, aktive Zuwendung zu einem anderen Menschen. Gerade auch, wenn dieser Mensch diese Zuwendung nicht verdient hat, oder sie auch gar nicht verdienen kann. Einem Kind, einem alten Menschen, oder auch einem behinderten Menschen barmherzig zu begegnen, setzt nicht voraus, dass mein Gegenüber von mir Barmherzigkeit erwartet. Aber ich kann in jeder Situation entscheiden barmherzig, oder auch unbarmherzig zu sein.

 

Barmherzigkeit ist auch etwas anderes als Gnade. Gnade ist das unverdiente Geschenk, dass mir meine Schuld vergeben ist. Barmherzigkeit hat nicht unbedingt mit Schuld zu tun, sondern eher mit Bedürftigkeit.

 

Und Barmherzigkeit ist auch etwas anderes als Mitleid, auch wenn diese beiden Eigenschaften sehr eng miteinander verbunden sind. Aber Barmherzigkeit geht noch ein Stück weiter als Mitleid. Mitleid bezieht sich eher auf das Gefühl, während Barmherzigkeit immer mit einer Handlung verbunden ist.

 

Die deutsche Philosophin und Germanistin Käte Hamburger definierte Barmherzigkeit als tätige Nächstenliebe.

 

 

Jesus fordert von uns, seinen Jüngern ein, dass wir barmherzig sind. Und er fordert es zu Recht, aus einem ganz bestimmten Grund: Man kann den Vers „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“, auch übersetzen: „Seid barmherzig, weil auch euer Vater barmherzig ist!“

 

Hast du schon einmal den Satz gehört: „Du bist ja wie den Vater!“?

Dieser Satz ist meist nicht so positiv gemeint, aber lasst uns diesen Satz einmal auf unseren himmlischen Vater beziehen. Dann wäre er ein richtig gutes Kompliment. Wenn andere in uns Charakterzüge und Wesenseigenschaften Gottes erkennen. Das bewirkt ja der HG in uns. Wir werden, wenn wir Jesus ehrlich nachfolgen, ihm immer ähnlicher. Und nachdem Jesus und der Vater eins sind, werden wir auch unserem Vater immer ähnlicher werden, wenn Jesus durch uns scheint.

 

Gottes Barmherzigkeit ist ja geradezu sprichwörtlich. Übrigens nicht nur im Christentum. In allen drei großen Monotheistischen Religionen wird Gott als Barmherzig beschrieben.

 

Als Mose am Berg Sinai Gott begegnete stellte der sich mit den Worten vor: Jahwe, Jahwe, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und reich an Gnade und Treue.

(NL): Ich bin der Herr, der barmherzige und gnädige Gott. Meine Geduld, meine Liebe und Treue sind groß. (2. Mo 34,6)

 

Quer durch die ganze Bibel taucht diese Bezeichnung für Gott immer wieder auf: Gnädig und Barmherzig ist unser Gott.

Ps 86,15: Doch du, Herr, bist ein gnädiger und barmherziger Gott mit viel Geduld und voll Gnade und Wahrheit.

 

Joel 2,13: Kehrt zum Herrn, eurem Gott, zurück, denn er ist gnädig und barmherzig. Er gerät nicht schnell in Wut und ist voller Liebe.

 

Spannend in diesem Zusammenhang ist auch die Geschichte von Jona, der ja von Gott damit beauftragt wurde, der Stadt Ninive Gottes Gericht anzukündigen. Als die Menschen von Ninive dann aufgrund der Predigt von Jona umkehrten, war Jona sauer und beschwerte sich bei Gott:

Jona 4,2

Ach Herr, habe ich das nicht schon gesagt, bevor ich von zu Hause aufbrach? Deshalb bin ich ja fortgelaufen nach Tarsis! Ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, dass du geduldig und voller Gnade bist…

 

Wenn es überhaupt eine Voraussetzung für die Barmherzigkeit Gottes gibt, dann ist es unsere Bereitschaft umzukehren.

Wenn man sich beispielsweise die Geschichte Israels im AT ansieht, dann war es ja ein ständiges Auf und Ab. Zuerst gehorchten die Israeliten Gott und erlebten seinen Segen, seine Führung und Fürsorge. Dann wurden sie ihm untreu und es ging bergab. Irgendwann erinnerten sie sich, dass sie mit ihm weit besser gefahren sind, als ohne ihn und wandten sich ihm wieder neu zu und erfuhren jedes Mal seine Barmherzigkeit.

So z.B. auch unter König Hiskia, der das Volk in die Umkehr führte und einen Brief an das Volk schrieb, der durch Boten verlesen wurde. Dort stand: (2. Chr. 30,6+9) Ihr Israeliten, kehrt um zum Herrn, dem Gott Abrahams, Isaaks und Israels, damit er sich den wenigen von uns, die den Sieg der assyrischen Könige überlebt haben, wieder zuwendet.

Wenn ihr wieder zum Herrn zurückkehrt, werden die Eroberer euren Brüdern und Kindern gnädig sein, und sie werden in dieses Land zurückkehren dürfen. Denn der Herr, euer Gott, ist gnädig und barmherzig. Wenn ihr zu ihm zurückkehrt, wird er euch nicht abweisen.

 

Jesus wandte sich primär den Schwachen und Benachteiligten zu. Den Außenseitern und Verstoßenen. Den Zöllnern und Sündern. Er ging den ersten Schritt auf sie zu und wenn sie bereit waren, ihr Leben zu ändern, dann erfuhren sie Gottes Barmherzigkeit, wogegen die, die sich selbst für gut und gerecht hielten leer ausgingen. Um dies zu verdeutlichen erzählte Jesus ein kurzes Gleichnis: (Lk 18,10-14)

10 »Zwei Männer gingen in den Tempel, um zu beten. Der eine war ein Pharisäer, der andere ein Steuereintreiber.

11 Der stolze Pharisäer stand da und betete: `Ich danke dir, Gott, dass ich kein Sünder bin wie die anderen Menschen, wie die Räuber und die Ungerechten, die Ehebrecher oder besonders wie dieser Steuereintreiber da! Denn ich betrüge niemanden, ich begehe keinen Ehebruch, 12 ich faste zwei Mal in der Woche und gebe dir regelmäßig den zehnten Teil von meinem Einkommen.´

13 Der Steuereintreiber dagegen blieb in einigem Abstand stehen und wagte nicht einmal den Blick zu heben, während er betete: `O Gott, sei mir gnädig, denn ich bin ein Sünder.´

14 Ich sage euch, dieser Sünder – und nicht der Pharisäer – kehrte heim als ein vor Gott Gerechtfertigter. Denn die Stolzen werden gedemütigt, die Demütigen aber werden geehrt werden.«

 

Jesus war durch und durch barmherzig. Das zeigt sich unter anderem daran, wie er mit der Frau am Jakobsbrunnen um ging, die ja eine ziemlich „unchristliche“ Vergangenheit hatte, oder wie er die Frau behandelte, die gerade beim Ehebruch ertappt worden war.

Oder auch wie er mit Petrus umging, obwohl er im Vorfeld bereits wusste, dass Petrus ihn dreimal in einer einzigen Nacht verleugnen würde.  Auch da steht dieses Erfahren der Barmherzigkeit Gottes im Zusammenhang damit, dass Petrus seinen Fehler einsah und bereute.

Spr. 28,13: Wer seine Sünden verheimlicht, dem wird es nicht gut gehen. Aber wenn er sie bekennt und davon lässt, wird er Barmherzigkeit finden.

 

Dass unser Vater im Himmel barmherzig ist, steht außer Zweifel. In diesem Text der Jahreslosung erinnert uns Jesus aber nicht nur einen Wesenszug des Vaters, sondern er fordert genau diesen Wesenszug der Barmherzigkeit auch bei uns, seinen Jüngern ein.

 

Es ist sicher kein Zufall, dass die berühmte Geschichte vom barmherzigen Samariter, so wie der Text der Jahreslosung auch im Lukasevangelium zu finden ist. Selbst Menschen, die so gut wie gar nichts aus der Bibel wissen, ist der barmherzige Samariter ein Begriff. Dabei waren die Samariter bei den Zeitgenossen Jesu sicherlich nicht für ihre Barmherzigkeit bekannt. Ganz im Gegenteil. Sie galten als Negativbeispiel für ein Volk, das die Treue Gottes verspielt hatte, weil sie sich mit anderen heidnischen Völkern vermischt hatten und deren religiöse Bräuche übernahmen. Sie galten somit für die Juden als unrein. Ein gläubiger Jude würde nicht einmal mit einem Samariter reden, geschweige denn ihn einladen, oder mit ihm essen.

Gerade diese „Feinde“ der Juden wurden durch das Gleichnis Jesu als Beispiel für Barmherzigkeit bis heute berühmt. Was sagt uns das?

 

Wenn es bei Jesus möglich ist, dass ein Feind, ein Vorbild im Bezug auf Barmherzigkeit wird, wieviel mehr sollte es dann für uns eine Selbstverständlichkeit sein, Barmherzigkeit zu üben? Und zwar an allen Menschen, die uns begegnen. Ganz egal, ob mir diese Person zu Gesicht steht oder nicht. Ganz egal ob mein Gegenüber Mann oder Frau, Schwarz, oder Weiß ist, Christ, Muslim, Buddhist oder Atheist ist. Ganz egal welche Weltanschauung, politische Überzeugung, sexuelle Orientierung, oder auch Meinung diese Person zu Corona hat.

Barmherzigkeit ist gerade dann von mir gefordert, wenn mein Gegenüber anders ist als ich. Aber nur mit Barmherzigkeit wird es gelingen, diese Andersartigkeit zu überwinden und eine Brücke zum Nächsten zu bauen.

Wie vorhin schon zitiert, ist Barmherzigkeit als tätige Nächstenliebe zu erkennen.

 

Wenn die Barmherzigkeit Gottes in unserem Leben sichtbar wird, drängt sie uns förmlich dazu, den ersten Schritt auf den Anderen zuzugehen. Wo immer Beziehungen nicht im Reinen sind kann ich durch die Barmherzigkeit mein Möglichstes zu tun, dass Versöhnung passieren kann. Versöhnung ist leider nicht immer möglich. Genauso wie beim Streiten sind es auch beim Versöhnen immer zwei Seiten, die das wollen müssen.

Aber als Kinder des himmlischen Vaters, können wir gar nicht anders, als den ersten Schritt- und alle weiteren Schritte dafür zu machen, dass Hass, Feindseligkeit und Zwietracht aus der Welt geräumt werden.

 

Auf der Homepage der Diözese OÖ habe ich folgenden Text von Stefan Schlager über Barmherzigkeit gefunden:

 

BARMHERZIGKEIT BUCHSTABIERT!

Immer auf Augenhöhe

Nie von oben herab

Stets aufs Neue

hinein buchstabiert

in den Alltag:

 

Beistehen – wo andere gehen

Aufrichten – mitten im Druck

Respekt zollen – jedem Menschen

Mut machen – statt lähmen

Humor haben – und lachen

Einfühlsamkeit riskieren – mitten in der Routine

Rachegelüste wandeln – durch ein neues Denken

Zuwendung leben – aus Überzeugung

Interesse bekunden – mit wachem Blick

Großzügigkeit wagen – und der Enge trotzen

Keine Schranken setzen – dem Wohlwollen

Einen neuen Anfang machen – immer wieder

Ideenreich Brücken bauen – aufeinander zu

Tragen und getragen werden – aus vollem Herzen

 

Barmherzigkeit:

stärkend wie Brot

anregend wie Wein

belebend wie Wasser

notwendig wie Luft.